Sport : Die Götter und ihr Naschwerk (Glosse)

Ulrich Kaiser

Früher war alles besser. Damals ernährten sich Sportler ausschließlich von der Milch der reinen Denkungsart, handgepresstem Apfelsaft und Bananenbrot. In der Zeit vor großen Wettkämpfen wurden die Sportler auf Wiesen getrieben, und wenn es sich um Läufer handelte, mussten sie mit den Pferden um die Wette rennen - Ringkämpfer erhielten wilde Bären als Trainingspartner, Bogenschützen schossen auf richtige Tauben und nicht auf Tonteller, Werfer schleuderten Felsbrocken manchmal auch in die Fenster des Olymp, von wo die Götter das muntere Treiben interessiert verfolgten.

Diese Götter hatten sich auf den Fellen jener Bären gelagert, die beim Ringkampftraining ein bisschen zu hart angefasst worden waren, und ernährten sich von Strichnin, Anabolika, Coffein, Clenbuterol, Testosteron, Kokain, Nandrolon und was es nicht nur in der Vorweihnachtszeit sonst noch an leckerem Naschwerk gibt. Aber es ist wahrscheinlich so gewesen, dass eines Tages ein bisschen was von den leckeren Götterspeisen durch die zerbrochenen Fensterscheiben herauswehte und direkt dorthin, wo die Sportler die Milch der reinen Denkungsart, eventuell den Apfelmost sowie das harte und trockene Brot für den täglichen Gebrauch gelagert hatten. So kam das teuflische Zeug direkt von den Göttern in den Bauch der irdischen Athleten, die selbstverständlich von nichts was wußten und deshalb moralisch unschuldig blieben.

Das Ganze ist zugegebenermaßen ein bisschen kompliziert, aber so könnte es immerhin ungefähr gewesen sein, was uns wiederum beweist, dass manche Dinge, die gut für die Götter sind, nicht immer auch gut für uns Irdische sein müssen. Für diesen Fall gibt es aber auch noch die Halbgötter, die so eine Art Polizei darstellen - es können aber auch Ärzte und international anerkannte Urinexperten sein. Über die weitere Entwicklung des Phänomens lässt sich zunächst einmal nur spekulieren. Es könnte ja sein, dass die irdischen Sportler eines Tages keine Lust mehr haben, die Tür zu öffnen, wenn es morgens um vier klingelt und der staatlich bestellte Urinprüfer steht da mit seinem Töpfchen - unterrichteter Dinge. Es könnte ja sein, dass es eines Tages die große Kundgebung von - sagen wir - 10 000 Athleten bei den Olympischen Spielen gibt, die es alle ablehnen, auf Kommando zu pinkeln. Da würden die olympischen Götter aber ganz schön alt aussehen, weil man 10 000 Sportler schlecht disqualifizieren kann.

Aber wahrscheinlich wird es nicht dazu kommen, weil es auch unter den Athleten und den Halbgöttern Ignoranten gibt, die nichts von dem göttlichen Dreck naschen. Solche Leute verlangen auf das heftigste, dass sie ihre unappetitliche Flüssigkeit abgeben dürfen, damit man ihnen schriftlich bescheinigt, ganz sauber zu sein und nie etwas Falsches gegessen oder getrunken zu haben.

Solche Leute können einem den ganzen Spaß am Sport verderben.

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