Die Hinrunden-Trends der Bundesliga : Asymmetrische Avantgarde

Die Fußball-Bundesliga entwickelt sich mehr und mehr zu Europas Taktikschule. Und das liegt nicht allein an dem spanischen Wundertrainer Pep Guardiola. Trends dieser Hinrunde waren Konter und Dreierkette.

Constantin Eckner
Hart am Mann. Das Gegenpressing in Leverkusen hat sich unter Roger Schmidt zu den aggressivsten der Bundesliga entwickelt.
Hart am Mann. Das Gegenpressing in Leverkusen hat sich unter Roger Schmidt zu den aggressivsten der Bundesliga entwickelt.Foto: Imago

Elf Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten. Die Meisterschaft quasi entschieden. Der FC Bayern München ist verantwortlich dafür, dass es in der Titelfrage – der wichtigsten der Liga – ziemlich langweilig zugeht. Dabei ist die Bundesliga überaus spannend, vor allem in Taktikfragen. In den vergangenen Jahren hat sich die Liga zu einem taktischen Trendsetter in Europa entwickelt. Und neben dem Gegenpressing gab es in dieser Hinrunde noch andere Trends.

Die Bundesliga ist eine Konterliga. Nur drei Mannschaften hatten durchschnittlich mehr als 55 Prozent Ballbesitz an den ersten 17 Spieltagen. Darunter ist auch Borussia Dortmund, das diese hohen Quoten aber nicht freiwillig aufweist, sondern von vielen passiven Gegnern dazu gezwungen wird. Hinzu kommt der Tabellenzweite Wolfsburg. Die Niedersachsen haben sich neben Bayern München und dem FC Augsburg als eine der wenigen Mannschaften etabliert, die ein ambitioniertes und effektives Ballbesitzspiel aufziehen können. Ansonsten konzentrieren sich in der Liga viele Mannschaften auf Konter- und Umschaltangriffe. Das Grundniveau des Pressings ist weiterhin extrem hoch und nicht selten führt ein geordneter Spielaufbau mit kurzen Flachpässen zu Ballverlusten.

Für hohes und aggressives Pressing braucht es Variabilität

Allerdings ist Pressing kein Allheilmittel. Vor allem zu Saisonbeginn war Bayer Leverkusen in aller Munde. Trainer Roger Schmidt implementierte sein aus Salzburg bekanntes System sofort bei den Rheinländern. Sie spielen ein laufintensives Angriffspressing und verschieben teilweise mit fünf oder sechs Spielern extrem ballorientiert. Doch die vergangenen Monate zeigten zugleich, dass dieser Ansatz nach hinten losgehen kann. Leverkusen offenbarte Schwächen in der sogenannten Restfeldverteidigung. Häufiger sahen sich die beiden Innenverteidiger in Unterzahl, wenn erst einmal die vorderen Linien überspielt waren.

Lange, gebolzte Bälle im Spielaufbau haben sich gegen Pressingmannschaften wie Bayer und Dortmund zum probaten Mittel entwickelt. Gegen den Ball muss jede ambitionierte Mannschaft dieser Welt kollektiv verteidigen. Doch für hohes und aggressives Pressing braucht es Variabilität, die gerade diesen beiden extremen Vertretern in der Bundesliga bisher abging. Man kann nicht jeden Ball in der gegnerischen Hälfte gewinnen. Und man kann die Gegner mit der immer gleichen Pressingformation ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr überraschen.

Mittlerweile ist die taktische Avantgarde gewissermaßen breiter aufgestellt

Insgesamt zeichnet sich die Bundesliga jedoch durch taktische Flexibilität aus. Bereits in der Vorsaison und besonders bei der WM war zu beobachten, dass Standardformationen wie das 4-2-3-1 verstärkt abgelöst werden und Teams einige Alternativen im Repertoire zu bieten haben. Ob Mainz, Freiburg oder Schalke, nahezu die halbe Liga hat in der Hinrunde bereits vereinzelt eine Dreier- beziehungsweise Fünferabwehrreihe aufgeboten. Mittelfeldrauten, asymmetrische Formationen und ständige Anpassungen während der Partien gehören zum Alltag in der Bundesliga.

Galten Pep Guardiolas Münchner vor einiger Zeit noch als das Maß aller Dinge, was taktische Innovation betrifft, so beweisen die vielen jungen, gut ausgebildeten Trainer, dass auch andernorts fortschrittlich gedacht wird. Mittlerweile ist die taktische Avantgarde gewissermaßen breiter aufgestellt. Dass die Münchner trotzdem die Liga dominieren, liegt an der außergewöhnlichen individuellen Klasse in Verbindung mit dem nahezu perfekt einstudierten Positionsspiel. Wobei, eine Schwäche der Bayern könnte der Liga noch Hoffnung geben: In manchen offensiven Umschaltphasen unterlaufen den Münchnern noch Fehler.

Der Autor schreibt für das Taktikportal Spielverlagerung.de

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