Sport : Die hohe Kunst des Stolperns

Hertha verliert 1:4 bei den abstiegsbedrohten Leverkusenern – und Stevens streicht den trainingsfreien Tag

André Görke

Leverkusen. Auf Jürgen Kohler stürzten sich die Fotografen, als wäre er für den Sieg verantwortlich. Vielleicht hatte aber die Anwesenheit des mit auf der Trainerbank sitzenden neuen Sportdirektors den Bundesliga-Fußballern von Bayer Leverkusen jenen Auftrieb gegeben, den der stark abstiegsbedrohte Klub braucht. Am Ende stand in der mit 22 500 Zuschauern, unter ihnen DFB-Teamchef Rudi Völler, ausverkauften Bayarena ein 4:1 (3:0) gegen Hertha BSC zu Buche. Während die Leverkusener, die zuvor von 13 Heimspielen sieben verloren hatten, nach dem höchsten Saisonsieg wieder hoffen können, erlitt Hertha nach drei Siegen in Folge einen herben Rückschlag. „Wir haben zu dumme Fehler gemacht“, kritisierte sichtlich geknickt Manager Dieter Hoeneß. Und Trainer Huub Stevens strich den heutigen trainingsfreien Tag.

Es schien, als hätten die Leverkusener vor dem Anpfiff die Botschaft verstanden, die ihnen die Fans in der Nordkurve entgegenstreckten: „Wer heute nicht kämpft, steigt morgen ab.“ Sie kämpften, die Leverkusener. Und sie profitierten davon, dass Marko Rehmer einen ganz schwachen Tag erwischt hatte. Herthas Nationalspieler war für zwei der drei Tore, die bis zur Pause fielen, hauptverantwortlich. Symptomatisch für Herthas Auftritt an diesem Samstag war, wie Rehmer vor Leverkusens drittem Tor im Laufduell mit Oliver Neuville ins Stolpern kam und schließlich über seine eigenen Beine stürzte. Kein Wunder, dass ihn Trainer Huub Stevens zur Pause aus dem Spiel nahm und Denis Lapaczinski zu seinem erst zweiten Saisonspiel auflaufen ließ.

Als Huub Stevens nach dem Spiel gefragt wurde, warum er denn Marko Rehmer und Pal Dardai ausgewechselt habe, sagte er: „Weil sie so toll gespielt haben.“ Wie Herthas Trainer ohnehin vor Sarkasmus sprühte. „Die Leverkusener sind eine sehr sympathische Mannschaft. Das haben meine Spieler wohl auch so gesehen, denn sie haben für die Bayer-Elf hervorragende Aufbauarbeit geleistet.“ Zeitweise habe er gedacht, es sei schon Weihnachten. So viele Geschenke hätten seine Spieler in ihrer generösen Art verteilt.

Wenn Herthas Torhüter Gabor Kiraly gar von „vier Eigentoren“ sprach, sagt das genug. Neben Rehmer erwies sich auch Alex Alves als äußerst großzügig. Vor dem vierten Tor der Leverkusener durch Neuville verlor der Brasilianer einen Ball geradezu dilettantisch. Prompt nahm ihn Stevens vom Platz.

Dass es bei Hertha nicht lief, lag auch an der schwachen Form von Marcelinho. Der Brasilianer verlor fast jeden Zweikampf und tat kaum was für die Offensive. Wenn Stevens später meinte, einige Spieler hätten unter Form gespielt, musste sich auMarcelinho angesprochen fühlen. Das gleiche gilt natürlich auch für seinen Landsmann Alves. Für ihn kam Nando. Das Ehrentor der Herthaner erzielte jedoch nicht der von Ajax Amsterdam gekommene Angolaner, sondern Michael Preetz. Für den Mannschaftskapitän war es der 84. Bundesliga-Treffer, womit er Herthas alleiniger Rekordhalter ist. Sonderlich groß war die Freude von Preetz nicht. Er wusste, dass die Partie längst entschieden war. Was die Hertha-Fans nicht hinderte, „Auswärtssieg“ zu rufen.

Der geriet schnell in weite Ferne, weil Hertha in der Anfangsphase Pech hatte (Pfostenschüsse von Arne Friedrich und Alves), aber auch nach Ansicht von Dieter Hoeneß „zu nachlässig und zu zufrieden war“. Nach Ansicht von Preetz hat die Mannschaft die Anfangsphase verschlafen – und damit sei die Sicherheit weg gewesen. Was blieb, war Verunsicherung.

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