Sport : Die Konstante im Chaos

Ballack bleibt souverän beim Endspurt in England

Raphael Honigstein[London]

Englische Fußballplätze lassen urwüchsigen Emotionen und Aggressivität viel Bewegungsfreiheit. Manchmal aber wird der Tumult so gewaltig, dass ihn die weißen Linien des Spielfelds nicht mehr eindämmen können. Arsenals Spieler waren nach dem 1:2 in Manchesters Stadion Old Trafford vor vier Jahren zum Beispiel so außer sich, dass sie Uniteds Trainer Sir Alex Ferguson mit Pizza und Erbsensuppe bewarfen. Am vergangenen Samstag war Manchester die unterlegene Mannschaft beim FC Chelsea. 2:1 für die Londoner hieß es am Ende eines Spitzenduells. United, das noch vor einer Woche wie der sichere Meister aussah, führt nun nur noch dank der besseren Tordifferenz vor den Blauen. Die Wut über diesen Rückschlag verwandelte die Spieler in Rohlinge. Pizza oder Suppe hatte er nicht bei der Hand, deswegen schlug Rio Ferdinand mit Fäusten und Füßen gegen die Wände des Spielertunnels. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft erwischte dabei aus Versehen eine Empfangsdame am Schienbein. Die Frau kam unverletzt davon. Ferdinand schickte später reumütig einen Blumenstrauß.

Doch damit nicht genug: Als Uniteds Reservisten nach dem Spiel eine kleine Trainingseinheit genau auf dem besonders ramponierten Teil des Platzes abhielten und sich wenig um die Wünsche von Chelseas Rasenpfleger scherten, kam es gar zu einem groben Tumult. Verteidiger Patrice Evra erlitt dabei eine Platzwunde an der Stirn. Eine gute Stunde später waren die Blutspuren im Kabinengang wieder beseitigt, nur ein kleiner Fetzen Grün lag noch als Souvenir des Wahnsinns am Boden. Genau über ihm stand Michael Ballack im strahlend weißen Trainingsanzug und hielt Hof. Die englischen Journalisten feierten ihn nach seinen zwei Toren als „Man of the Match“ und sie waren dankbar, dass mit ihm eine Art fußballerische Gewissheit vor ihnen stand.

„Ein Elfmeter. Ein Deutscher. Eine Formalität“, dichtete die „News of the World“ beeindruckt von Ballacks Nervenstärke bei dem sicher verwandelten Strafstoß kurz vor Spielende. „Ich bin solche Drucksituationen gewöhnt“, sagte Ballack, „das war kein Problem für mich.“ Nicht einmal Kollege Didier Drogba, mit dem er während des Spiels drei Mal um die Ausführung von Freistößen gezankt und der auch vor dem Elfmeter Ansprüche gestellt hatte, konnte ihn aus der Ruhe bringen. Als ihn noch jemand nach der sprichwörtlichen Sicherheit der Deutschen in dieser Disziplin fragte, ließ er sich auf das Spiel mit dem Klischee ein: „Es wird schon etwas dran sein, das zeigt die Geschichte. Jeder hat seine Stärken – und die müssen wir uns ja bewahren.“

Chelsea spielte stark, zum ersten Mal in dieser Saison. „Wir haben heute gezeigt, dass wir es nicht nur mit langen Bällen auf Drogba können“, sagte Ballack, „wir müssen das noch öfter zeigen.“ Nun muss Manchester United den fast schon gewonnen Titel in den zwei verbleibenden Partien ein zweites Mal gewinnen. „Der ganze Druck liegt bei denen. Von uns hat niemand erwartet, dass wir noch im Rennen sind. Aber wir sehen frisch aus – und auch besser als alle anderen Teams in der Champions League“, sagte Ballack. Er weiß aus eigener Erfahrung bei Bayer Leverkusen, wie es sich anfühlt, wenn kurz vor Schluss der Zweifel als Hintermann auftaucht. Damals im Jahr 2002 wurde Ballack mit seinem Klubteam gleich dreimal zweiter Sieger.

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