Sport : Die Kraft des Quartetts

Bei den Staffelwettbewerben wachsen die deutschen Schwimmer über sich hinaus – das hat Tradition

Frank Bachner

Barcelona. Was hat Johannes Oesterling bis jetzt schon groß erreicht als Schwimmer? Dritter über 200 m und 400 m Freistil bei den deutschen Meisterschaften 2003. Das reicht nicht, um sich vorzudrängen. Vor allem nicht, wenn es um die Staffelbesetzung bei einem WM-Finale geht. Aber Oesterling, 20, Abiturient und ohne große internationale Erfahrung, wollte unbedingt Startschwimmer sein bei der 4-x-200-m-Freistilstaffel. Er drängte regelrecht, „und so einen lässt man dann auch starten“, sagt Manfred Thiesmann, der Bundestrainer.

Oesterling schwamm das Rennen seines Lebens. 1:49,28 Sekunden, persönliche Bestzeit. Sein Spitzname im Team: der weiße Hai. Am Ende holten die Deutschen Bronze, und alle Staffelmitglieder erzielten neue persönliche Bestzeiten, selbst wenn man den Zeitvorteil durch den fliegenden Wechsel berücksichtigt. Christian Keller, der Schlussschwimmer, blieb über eine Sekunde unter seiner Bestmarke. 7:14,02 Minuten benötigte das Quartett, so schnell war eine deutsche Staffel seit zehn Jahren nicht mehr.

Irgendeine geheimnisvolle Kraft muss wirken, wenn deutsche Staffeln antreten. Als würden sie alle Ängste und Zweifel wie auf Knopfdruck ausschalten können, wachsen die deutschen Schwimmer in den Staffeln über sich hinaus. „Da kommen Dinge heraus, die nicht zu erwarten sind“, sagt Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann.

Gestern Vormittag aber verpasste die 4-x-200-m-Freistilstaffel der Frauen das Finale. „Klar ist das enttäuschend“, sagt Beckmann. „Aber auch dieses Resultat stärkt den Teamgeist. Alle unterstützten nämlich diese Staffelbesetzung.“ Denn die Stärksten, Antje Buschschulte, Petra Dallmann und Hannah Stockbauer, fehlten gestern Morgen. Sie wurden geschont. Dass die Ersatzmannschaft aber nicht in den Endlauf kommen würde, das freilich stand nicht auf Beckmanns Plan.

Die geheimnisvollen Kräfte wirken seit vielen Jahren. Königsstaffel wird das deutsche 4-x-200-m-Freistil-Quartett der Männer seit 1970 genannt. Damals begann – übrigens auch in Barcelona – der Erfolgszug dieser Staffel. 1970 wurde Deutschland Europameister. Seitdem landete die Königsstaffel bei einer WM oder EM nie schlechter als auf Platz fünf. Siebenmal wurde sie Europameister, zweimal Weltmeister, einmal Vizeweltmeister.

Aber dieses Phänomen ist ja nicht bloß auf die Königsstaffel beschränkt. Die deutsche 4-x-100-m-Freistilstaffel der Frauen stellte bei der EM 2002 einen fantastischen Weltrekord auf, 1991 wurde das Quartett auch Weltmeister. Und in Sydney bei den Olympischen Spielen bot Freistil-Spezialist Torsten Spanneberg in der 4-x-100-m-Lagenstaffel eine grandiose Leistung. Mit seiner Staffelzeit hätte er mühelos das Einzel-Finale über 100 m Freistil erreicht. Im Einzel-Wettbewerb aber verpasste er den Endlauf kläglich. Mit der Lagenstaffel aber gewann Spanneberg Bronze.

Ausgerechnet aber in Sydney war dieser Teamgeist bei den Frauen kurzzeitig völlig verschwunden. Die Schwimmerinnen und ihre Trainer stritten über die Aufstellung für die 4-x-100-m-Freistilstaffel. Die galt als Goldmedaillen-Anwärter und als medial besonders interessant. Antje Buschschulte wollte deshalb unbedingt Startschwimmerin werden, weil sie dann besonders lange im Fernsehen zu sehen sein würde. Und Sandra Völker wollte, aus dem gleichen Grund, unbedingt Schlussschwimmerin werden. Sie wäre dann die Frau gewesen, deren Siegesfaust im Wasser die Kameras eingefangen hätten. So etwas hilft bei der Sponsorensuche. Doch Buschschulte versagte, und Sandra Völker schlug gerade mal als Vierte an. Eingefangen haben die Kameras dann nur ihre enttäuschte Miene.

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