Sport : Die Kunst des Müßiggangs

Claus Vetter

Nach nur zwanzig Minuten ist alles vorbei. Die Spieler verschwinden in der Kabine, über die verwaiste Eisfläche im Sportforum Hohenschönhausen stolpern ein paar Halbwüchsige mit ihren Straßenschuhen samt Puck und Schläger. Die vorangegangene Übungseinheit des EHC Eisbären war am Montagmorgen nicht mehr als ein gemütliches Schaulaufen. Und das in der wichtigsten Saisonphase. Schließlich stecken die Eisbären doch mitten in den Play-offs um die Deutsche Eishockey-Meisterschaft? Der Chef hat eine simple Erklärung. "Heute ist der wichtigste Tag in der gesamten Serie gegen Mannheim", sagt Pierre Pagé. "Wer sich heute besser ausruht, der zieht ins Halbfinale ein."

Die Play-offs haben im Eishockey nun mal ihre ganz eigene Dramaturgie. Über sechs Monate und 60 Spiele lang haben sich die 16 Teams der DEL um acht Plätze gebalgt, die am Ende die Meisterschaft bringen können oder auch nicht: Der Traum vom Titel kann schnell zerplatzen, die fünf möglichen Spiele der nach dem Modus "Best-of-five" angesetzten Viertelfinale-Serie müssen binnen acht Tagen absolviert werden. Wer als erster drei Spiele gewonnen hat, kommt weiter. Ein hoher Stressfaktor, der schon mal Favoriten straucheln lässt. Ein Schicksal, vor dem auch ein Titelverteidiger nicht gefeit ist: Niemand interessiert mehr, dass die Mannheimer Adler nach der Hauptrunde Tabellenzweiter waren und die Eisbären nur Siebter. Es steht Unentschieden in der Viertelfinal-Serie zwischen Adlern und Eisbären: Die Berliner siegten am Freitag in Mannheim mit 3:2, verloren am Sonntag in Berlin mit 2:3. Schon am heutigen Dienstag müssen sie wieder in Mannheim ran.

Vorbild Pete Sampras

Die Eisbären sehen sich als Außenseiter, allerdings als einer mit guten Chancen. "Ich habe meinen Spielern erklärt, dass wir gegen Mannheim nur gewinnen können, wenn alle neue Rollen akzeptieren", sagt Pagé. Soll heißen, Kringeldrehen und Starallüren sind in den Play-offs unter Pagé nicht gefragt. Teamgeist haben die Berliner in den ersten beiden Partien durchaus bewiesen, allerdings waren nicht alle Spieler in einem wesentlichen Punkt auf einer Höhe. Die Tore gegen Mannheim haben bisher nur die üblichen Verdächtigen erzielt und die heißen beim EHC Marc Fortier, Steve Walker, David Roberts und Steve Larouche.

Pagé glaubt die Gründe für die Abschlussschwäche beim Spiel am Sonntag erkannt zu haben. "Viele meiner Spieler haben versucht, genau in die Lücke zwischen Torwart und Pfosten zu treffen und dann fast immer daneben geschossen." Es folgt ein Diskurs auf den Tennisplatz: "Pete Sampras hat mal gesagt, dass er nie auf die Grundlinie zielt, sondern ein paar Zentimeter davor und dass der Ball dann meist auf der Grundlinie landet. Ins Eishockey übersetzt heißt das, man soll ruhig auf den Torwart zielen. Dann setzt du dich auch nicht als Schütze, sondern den Torwart unter Druck."

Ein interessanter psychologischer Ansatz. Wobei ansonsten psychologische Tricks der Trainer im bisherigen Verlauf des Viertelfinales zu kurz kamen. Pagé empfindet das als angenehm. "Wir stecken hier mitten in einem Strategiespiel. Beim Schach denkt man auch nicht laut über den nächsten Zug nach." Auch da heißt es: Immer mit der Ruhe. Von Pagés Pendant auf Seiten der Adler durfte aber schon die ein oder andere Poltereinlage erwartet werden - hat doch Bill Stewart vergangene Saison während der Play-offs die gesamte DEL auf Trab gehalten. Es sei nur an die Auseinandersetzung mit Pavel Gross, dem damaligen Trainer der Capitals, im dritten Spiel der Viertelfinalserie zwischen Mannheim und den Capitals erinnert. Auch der Ohnmachtsanfall von Stewart während des zweiten Endspiels bei den München Barons war eine beeindruckende Performance. "Bill macht halt alles, um zu gewinnen", sagt Pierre Pagé. Nur: Gerade jetzt ist der Trainer aus Mannheim verdächtig ruhig. Denn auch Bill Stewart weiß wohl inzwischen: Ruhe ist das Wichtigste in den Play-offs.

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