Sport : Die Leere vor dem Sturm

Hertha hat ein Problem: Trotz des sportlichen Erfolgs fehlen die Zuschauer

Michael Rosentritt

Berlin - Hertha BSC hat ein Problem. Der Fußballklub ist Tabellenvierter der Bundesliga, spielt mit um einen Platz in der Champions League, doch das scheint in Berlin nur Wenige zu interessieren. Am vergangenen Wochenende kamen zum Spiel gegen den Hamburger SV gerade 40000 Besucher ins Olympiastadion. Das war der schlechteste Besuch an einem Samstag gegen diesen Gegner seit dem Aufstieg vor acht Jahren. „Diese schlechte Resonanz ist nicht zu erklären“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Obwohl das Olympiastadion für mehrere hundert Millionen Euro saniert wurde, bleibt der Zuschauer-Boom aus. Hertha erreicht in der laufenden Saison einen Besucherschnitt von rund 43000 und liegt nur im Mittelfeld der Liga, weit hinter Dortmund (72000) und Schalke (60000). In der Saison 1998/99 lag Herthas Zuschauerschnitt bei 52000. Vom neuen Olympiastadion, das Hoeneß für einen „gelungenen Spagat aus Denkmal und Moderne“ hält, hat sich Hertha eine größere Magnetwirkung erhofft. Die übt momentan zum Beispiel der „Borussia-Park“ in Mönchengladbach aus. Seit der Einweihung stieg der Zuschauerdurchschnitt dort von 30000 auf über 45000. Als der HSV vor vier Jahren seine AOL-Arena eröffnete, verdoppelte sich der Zuschauerschnitt. „Und wenn die Bayern in das neue Stadion umziehen, wird auch in München jedes Spiel ausverkauft sein“, sagt Hoeneß.

Hertha ist auf einen größeren Zuschauerzuspruch angewiesen, denn nur durch entsprechende Mehreinnahmen kann die Mannschaft verstärkt werden. „Um langfristig oben mitmachen zu wollen, muss man eine andere Zuschauerresonanz haben. Leider haben wir im Vergleich zu anderen Ballungszentren nicht so die Resonanz“, sagt Hoeneß. „Ich kann nicht verstehen, dass gegen den HSV nur 40000 Zuschauer kommen, während Dortmund gegen Mainz beinahe ausverkauft ist.“ Es gehe nicht darum, sich zu beklagen, „aber wir müssen das thematisieren“. Derzeit werde darüber nachgedacht, wie eine Aufbruchstimmung in Berlin hergestellt werden könne.

Für das Heimspiel am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern werden 10000 Eintrittskarten für nur zehn Euro abgegeben. Vor acht Jahren zog derselbe Gegner in der Zweiten Liga noch 75000 Besucher an. Damals ging es um den Aufstieg in die Bundesliga, und Hoeneß bekam „eine Gänsehaut“. Heute ist Bundesliga Normalität in Berlin.

Mitte Februar hatte der „Berliner Kurier“ seiner Ausgabe 150000 Glücksumschläge beigelegt. Darunter waren 20000 Gutscheine für Gratis-Tickets. Die restlichen 130000 Umschläge hielten einen Rabatt von 20 Prozent bei einem Ticketkauf bereit. Zum Spiel gegen Nürnberg kamen dann nur 38000 Menschen ins Stadion – der Minusrekord für Hertha in dieser Saison.

Weil der Kurier fast ausschließlich im Ostteil der Stadt gelesen wird, darf abgeleitet werden, dass Hertha dort noch nicht im Bewusstsein der Menschen verankert ist. Seit geraumer Zeit bemüht sich Hertha um die Menschen aus dem Umland. Hertha hat 21 Partnerstädte in Brandenburg. Schon heute kommt mehr als die Hälfte der Stadiongänger daher. Der Berliner aber bleibt weg. Viel ändern dürfte sich daran kaum. Die nächsten Heimspielgegner Herthas heißen Bielefeld, Freiburg und Wolfsburg.

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