Sport : Die Lehre der reinen Unterhaltung

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Stefan Hermanns über den unerwarteten Erfolg des Frauenboxens

Das Deutsche SportFernsehen hat eine eigentümliche Vorstellung davon, was unter Sport zu fassen ist und was demnach Gegenstand der Berichterstattung werden kann. Während der Geisterstunde zum Beispiel spuken nicht sehr sportgemäß gekleidete junge Frauen über den Bildschirm. Eigentlich tragen sie so gut wie überhaupt keine Kleidung, und allzu sportlich ist ihr Herumgehampel auch nicht. Doch mit seinen „Sexy Sport Clips“ erreicht der Spartensender so gute Quoten wie mit kaum einem anderen Programm. Sport ist heute das, was als Sport verkauft wird: Traktorpulling, Extrem-Holzhacking, Schlammcatchen, Frauenboxen.

Frauenboxen? 3,56 Millionen Menschen haben am späten Samstagabend im ZDF den Boxkampf zwischen Regina Halmich und Nadja Loritz gesehen. Falsch! 3,56 Millionen Menschen haben gesehen, wie Hammer-Halmich Eisen-Nadja das Maul gestopft hat (Originalton „Bild“-Zeitung). Das ist schon für sich betrachtet eine stattliche Zahl. Noch stattlicher wird sie im Vergleich: An einem normalen Samstagabend in der Fußball-Winterpause schalten gerade zwei Millionen das „Aktuelle Sportstudio“ an, um gut verpackte Skiläufer, Rodler oder Eisschnellläufer zu sehen. Dummerweise wird aus gesundheitlichen Gründen nur schwer durchzusetzen sein, dass Deutschlands beste Rodlerinnen demnächst im Bikini auf die Eisbahn gehen. Dabei ließe sich die Sportart auf diese Weise vermutlich weit besser vermarkten.

Die Volleyballerinnen haben das längst bewiesen. Von den alten Männern ihres Weltverbandes wurde ihnen vorgeschrieben, zum Zwecke der Attraktivitätssteigerung mehr nackte Haut zu zeigen. Mit der Lehre vom reinen Sport hat das nur noch wenig zu tun. Aber den Sportlern ist diese Entwicklung am wenigsten anzulasten. Regina Halmich zum Beispiel hat sich vor allem als Vorkämpferin für das Frauenboxen verstanden. „Ich wollte immer nur Boxerin sein, um ein bisschen Anerkennung zu bekommen“, hat sie mal gesagt. Anerkennung hat sie jetzt. Ob als Boxerin – das ist eine ganz andere Frage.

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