Sport : Die letzte Etappe wird verdammt schwer

MARTIN HÄGELE

Nie zuvor stand Jürgen Klinsmann so weit unten / Englische Presse hält sich zurückVON MARTIN HÄGELE LONDON.Vermutlich hat Jürgen Klinsmann am Sonntagmorgen richtig reagiert, als er die Lektüre der Londoner Blätter bereits nach dem "Independent" wieder einstellte.Obwohl der Autor dem Deutschen durchaus gewogen war, hatte der geschrieben, Tottenham hätte besser einen Teufel für die Abwehr anstelle eines alternden Engels für den Angriff verpflichtet.Im Kontext standen aber auch alle jene Begriffe, mit denen die englischen Massenmedien die Heimkehr ihres verlorenen Sohnes an die White Hart Lane feierten: Messias und Heilsbringer, Magier und Zauberer, Wundermann und Weihnachtsmann.Kurzum, eine Christkindgeschichte nach dem Motto: Nur der geliebte "Cleansman" kann den Traditionsklub vor dem Abstieg retten.Vor dem Stadion verkauften sie T-Shirts mit den Aufschriften "Jürgen ­ simply the best" sowie dem Motto des Tranfers, "back to the future".Mit dem alten Liebling zurück in die Zukunft. Mit Sicherheit ist es ganz gut, daß die Zeitungen vom Montag längst im Abfall liegen, wenn Jürgen Klinsmann am 1.Januar nach London zurückkommt und seinen Halbjahresjob beim ehemaligen Arbeitgeber dann unter normalen Bedingungen antritt.Er braucht nicht mehr nachzulesen, warum die Auferstehung der "Spurs" mit dem neuen Anführer ausgefallen ist, weil sich Wunder, vor allem, wenn sie ein zweites Mal passieren sollen, nicht planen lassen.Und all die anderen trostlosen Stories um das 1:1.Mit "Klins" sind die Kritiker dabei recht vornehm umgesprungen."Klinsmann gab ein ruhiges Debüt", so das Urteil von "BBC".In Deutschland hatten ihm die Wadenbeißer von "Bild" ganz andere Noten gegeben und ihm hämisch vorgerechnet: kein Schuß aufs Tor, keine einzige Torchance, fast alle Kopfballduelle verloren. Als Jürgen Klinsmann, umgeben von Bodyguards, dem Chauffeur hinterherhastete, der ihn ganz schnell nach Heathrow und zum Flugzeug nach Genua bringen sollte, war ihm wohl endgültig bewußt, welch harte Zeiten auf ihn zukommen.Beim Training müssen sie nun wenigstens nicht mehr über verschiedene Plätze tingeln und danach warten, bis der einzige Masseur endlich fertig ist mit dem Vordermann: Tottenham hat jetzt drei Physiotherapeuten angestellt, und im März ist nicht nur das High-tech-Stadion im Norden Londons, sondern auch ein modernes Trainingsgelände mit sechs Rasenplätzen fertig.Und eine neue Struktur mit Manager, Trainer Christian Gross aus der Schweiz und etlichen ausländischen Profis wie Ginola (Frankreich), Vega (Schweiz), Nielsen (Dänemark), Dominguez (Portugal) und Iversen (Norwegen) soll die Spurs öffnen gegenüber den kontinentalen Ideen. Vor drei Jahren spielte und dachte der polyglotte Schwabe wie ein Engländer.Neben ihm stürmte sein Freund Terry Sherringham, hinter ihnen und auf den Flügeln raêkerten und rasten die jungen Stars Barmby und Anderton.Sherringham und Barmby sind weg, Anderton schleppt sich von einer Verletzung und Operation zur nächsten.Ähnlich verhält es sich mit Les Ferdinand, dem Ex-Nationalspieler, der als Klinsmanns Angriffspartner vorgesehen ist.Bleibt allein Ginola, ein launischer und oftmals auch selbstverliebter Regisseur.Nicht viel. "Wenn alle fit wären", glaubt Klinsmann, müßten die Blau-Weißen zwischen Rang vier und sieben pendeln.So aber haben sie sich zum Einstand des Deutschen auf den vorletzten Tabellenplatz gesetzt, und aus lauter Angst vor dem Abstieg spielt das internationale Ensemble nun schlimmer "kick and rush" als jemals zuvor.Aus der Phase des sportlichen Umbruchs wurde die große Krise, die Stimmung rund um den Klub nähert sich der Depression. Trotz aller Erleichterung, das Kapitel Genua abgeschlossen zu haben, redet Klinsmann also vom "eminenten Druck, dem ich bis zur WM ausgesetzt bin".Eine Phrase, die man von ihm bislang nicht gekannt hat.Aber ganz offensichtlich spürt auch er, daß die letzte Etappe seiner internationalen Karriere verdammt schwer wird.Nie zuvor hat er gegen den Abstieg gespielt.Nie zuvor ist er von so weit unten gekommen.

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