Sport : Die Macht der Mitte

Die Mittelfeldreihen von Hertha und Bremen sind spielentscheidend – sie funktionieren unterschiedlich

Michael Rosentritt

Berlin - Bis Samstag sollte Marcelinho ein paar private Dinge geregelt haben. Sein jüngstes Vorhaben, nebenher eine Diskothek zu betreiben, stieß bei seinem Verein Hertha BSC auf wenig Gegenliebe. „Den Mietvertrag wird er auflösen“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Auch Trainer Falko Götz hat dem Brasilianer zu verstehen gegeben, was er überhaupt nicht gebrauchen könne: Einen Marcelinho, der mit seinen Gedanken nicht zu 100 Prozent beim Fußball ist. Das Spiel bei Werder Bremen ist für Hertha von großer Bedeutung. Und Marcelinho für Hertha. Der Mittelfeldspieler hat in dieser Saison 14 Tore erzielt. Die sind deshalb so wertvoll, weil Hertha über keinen torgefährlichen Sturm verfügt.

Am Samstag stehen sich in Bremen zwei Mannschaften gegenüber, die individuell gut besetzt und spielstark sind. Dominierender Mannschaftsteil sind jeweils die Mittelfeldreihen. Und doch funktionieren sie ganz unterschiedlich. Im Spielsystem von Falko Götz muss das Mittelfeld die erspielten Torchancen auch gleich noch selbst verwerten. Insofern ist einer wie Marcelinho idealtypisch. Er kreiert viele Torszenen und ist selbst torgefährlich. Während Herthas Sturm erst neun Tore erzielt hat, brachte es das Mittelfeld auf 36 Treffer – der Spitzenwert der Bundesliga.

In Bremen würde einer wie Marcelinho nicht so herausstechen. Das ist in der Spielanlage der Bremer begründet. Beim Meister sind noch die Stürmer für die Tore verantwortlich. Die Angreifer Klasnic, Klose, Valdez und Zidan haben 31 Tore erzielt, das Mittelfeld dafür nur 14. Betrachtet man beide Systeme und ihre Ausbeute, verhält es sich umgekehrt proportional zwischen Berlin und Bremen.

Werder spielt ein 4-4-2-System, wobei die vier Mittelfeldspieler in Rautenform angeordnet sind. Diese Raute gilt als Geheimnis des Bremer Erfolges. Sie ist gewachsen und offensiv wie defensiv stark. Jeder Spieler kennt seine Aufgabe, „sie haben das System so verinnerlicht, dass es egal ist, wer spielt“, sagt Götz. Für Bremens Trainer Thomas Schaaf ist es nicht mal so entscheidend, ob sein Mittelfeld auf einer Linie oder als Raute antritt. „Die Spieler müssen nur eine Grundausrichtung als Anhaltspunkt haben, um ein Kombinationsspiel aufbauen zu können“, sagt Schaaf. Vor allem in der Offensive verfügt Bremen über viele gute Spieler. Während Otto Rehhagel, 14 Jahre lang Trainer in Bremen, die „kontrollierte Offensive“ propagierte, ließe sich die Spielweise von Thomas Schaaf als „natürliche Offensive“ umschreiben.

Unter Schaaf wurde Werder mit sehenswertem Offensivfußball Meister und Pokalsieger. Die Philosophie, die dieser Spielweise zugrunde liegt, ist einfach. „Wenn man einen Fußballer fragt, was er möchte, wird er dir sagen, er will nach vorne spielen“, sagt Schaaf. „Ich versuche, die Einstellung so umzusetzen, dass etwas Produktives dabei herauskommt.“

Verantwortlich dafür ist das Mittelfeld. Wenn es in Ballbesitz kommt, wird sofort der Gegenangriff eingeleitet. Der Ball wird schnell in die Spitze gespielt, wo torgefährliche Stürmer lauern. „Da haben sich Automatismen gebildet, die sicher ineinander greifen“, sagt Götz. Auffallend daran ist, dass Bremen oft und erfolgreich über die Flügel spielt, obwohl weder Ernst noch Borowski klassische Flügelspieler sind. Die Raute macht es möglich. Durch geschicktes Verschieben kann sich das Mittelfeld jeder Spielsituation anpassen, Räume für den Gegner verstellen oder sich bei Ballbesitz entfalten. In dieser Saison hat Werder schon 58 Tore erzielt, so viele wie kein anderer Bundesligist.

Johan Micoud ist die zentrale Figur der Raute. „Er ist ein Spieler, der selbst in die Spitze geht und Tore schießt, aber er spielt auch den strategischen Pass“, sagt Götz. Dennoch wird ihn Herthas Trainer nicht in Manndeckung nehmen lassen. „Aus unserem Mittelfeld möchte ich keinen Spieler herausnehmen und nur für Micoud abstellen“, sagt Götz. Herthas Trainer plant, dass sein Mittelfeld am Samstag dominiert. Denn nur so besteht eine Siegeschance. Dafür bedarf es eines starken Marcelinhos. Vorausgesetzt, er ist mit den Gedanken voll dabei.

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