Sport : Die Nacht der Eiswürfel

In der westfälischen Provinz taumelt der Boxer Axel Schulz in einen langen, dunklen Tunnel

Michael Rosentritt[Halle]

Tauchen wir in „Die Nacht der Antworten“ mit einer Frage ein. Mit der Frage, wofür wohl der Eimer mit Eiswürfeln in der Ringecke eines Boxers vorhanden ist? In der Ecke des ehemaligen Boxers Axel Schulz ist er dazu da, um Zeit zu schinden. Nach der fünften Runde stößt ein Sekundant des Brandenburgers den Eimer um, selbstverständlich ohne jede Absicht. Der 38 Jahre alte Axel Schulz, der sieben Jahre nach seinem letzten Schwergewichtskampf sein Comeback wagt, pumpt in seiner Ecke. Genau genommen ist es kein Pumpen, sondern ein hilfloses Japsen. Da sechzig Sekunden ziemlich knapp sein können, trifft es sich gut, dass der Eiswürfeleimer auch noch zufällig so unglücklich umfällt, dass sämtliche Eiswürfel in die Ringmitte purzeln. Jetzt muss erst mal alles pingelig trocken gewischt werden, und so kann Axel Schulz noch einmal eine Minute in der neutralen Ecke um Luft schnappen. Es soll die letzte Minute werden, bevor Schulz in einen langen, dunklen Tunnel fällt.

Die Frage nach der Bestimmung des Eiswürfeleimers bleibt nicht die einzige, die gestellt wird in dieser von RTL inszenierten Nacht der Antworten. Wer wirft aus der Schulz-Ecke circa eineinhalb Minuten später, also mitten in der sechsten Runde, das Handtuch? Im Boxen gilt diese Geste als Zeichen der Aufgabe. Niemand will es gewesen sein. Weit später wird Schulz erklären: „Also ick hab davon nischt mitjekricht.“ Eine Einlassung, die es trifft. Vermutlich hätte er zum Zeitpunkt des Geschehens nicht mal mehr mitbekommen, wenn das Dach der mit 13 000 Besuchern ausverkauften Gerry-Weber-Arena im westfälischen Halle weggeflogen wäre. Als das Handtuch fliegt, ist der zerbeulte Schulz längst nicht mehr Herr seiner Sinne. Bevor das Handtuch den Ringboden berührt, bricht Ringrichter Jacobsen den Kampf ab.

Um Mitternacht stakst Schulz im giftgrünen Hemd vor die Journalisten. Von der freundlichen Milde, die sonst seine Augen umgibt, ist nichts mehr zu erkennen. Sein Gesicht ist von links nach rechts und oben nach unten kunterbunt geschwollen. Neben ihm sitzt sein sieben Jahre jüngerer Gegner Brian Minto, der sich schämt, seine Freude zu zeigen. Er faltet seine Hände. Betet er für Axel?

Woran liegt es, dass Schulz, der weit erfahrener und komfortable elf Zentimeter größer ist, so wenig ausrichten kann? Hat er sich überschätzt? Sind es die Nerven? Vor elfeinhalb Jahren wurde Schulz als Boxer groß. In Las Vegas hatte er George Foreman an den Rand einer Niederlage geboxt. Geblieben von damals ist allerdings weder sein Mut, seine Kraft noch seine Entschlossenheit, sondern ausschließlich die barocke Figur seines damals 45 Jahre alten Gegners.

Na und! RTL kennt solche Bedenken nicht. Eine Stunde lang wird das „Comeback des Jahres“ in der Arena angerührt. In penetranter Art werden die Zuschauer zugedröhnt. Bar jeder Grundlage wird Schulz als ein Boxer dargestellt, der er nie war. Die Stimmung stimmt. Als Schulz, der noch nie etwas Zerstörerisches hatte, in seine alte Schwäche verfällt und zag- und zauderhaft operiert, wird das Publikum hippelig. „Axel, ick helf Dir“, ruft einer - „und ick ooch“, ein anderer. Ganz hinten brüllt einer: „Mensch, Axi, det läuft wieder, wah?“ Der Spaß schwindet schnell. Irgendwie eiert Schulz durch die zweite und dritte Runde. In der vierten knickt er nach einem Wischer Mintos ein. Schulz taumelt am Rand der Handlungsunfähigkeit. Er nimmt so ziemlich jeden Schlag. Bloß gut, dass Minto alles andere ist als „The Beast“, als das er verkauft wird.

In der folgenden Rundenpause setzt sich Schulz nicht mehr auf seinen Schemel, vermutlich weil er Angst hat, nicht mehr hochzukommen. Schulz kann schon lange nicht mehr. Nach einem linken Haken und einer angedeuteten Rechten dreht der in sich gekrümmte Schulz ab. Es ist das Ende. Während der Orientierungslose im Ring von einem Sekundanten untergehakt und in seine Ecke geführt wird, pfeift das Publikum. „Ich bitte um Entschuldigung“, stammelt Schulz ins Hallenmikrofon, „ich habe beschissen geboxt.“

Es war viel zu lesen gewesen, vor dieser Nacht. Schulz habe hart trainiert, drüben in Florida. Er würde jetzt stöhnen beim Schlagen, er würde anders stehen, damit seine Schläge mehr Dampf bekämen. Gefühlte drei Jahre hat sich Schulz auf sein Comeback vorbereitet, in der westfälischen Wirklichkeit steht ein Koloss im Ring, dem die Nerven versagen und der vermutlich auch ohne Gegner Schwierigkeiten bekommen hätte, die zweite Hälfte des Zehn-Runden-Kampfes zu erreichen. Graciano Rocchigiani, der wie viele andere ehemalige Boxer am Ring sitzt, sagt erstaunt: „Ick möchte mal wissen, wat die da drüben in Amerika jemacht haben?“

Hinterher versucht Schulz das Fiasko mit dem Drumherum zu erklären. In der Kabine hätte er sich noch super gefühlt, aber der Einmarsch in die tobende Arena „hat mich erschlagen“. Gibt es eine Zukunft für den Boxer Axel Schulz? „Nee, definitiv nicht“, sagt er. So große Eiswürfeleimer gibt es gar nicht. Noch Fragen?

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