Sport : Die Nacht des blinden Tänzers

Vor 40 Jahren wurde Cassius Clay durch einen Sieg über Sonny Liston erstmals Weltmeister – trotz eines dramatischen Handikaps

David Remnick

Vor 40 Jahren, am 25. Februar 1964, wurde Cassius Clay zum ersten Mal Box-Weltmeister im Schwergewicht. In Miami Beach siegte er über Sonny Liston nach sechs Runden durch Technischen K.o. Liston galt damals als unbesiegbar, in den Wettbüros wurde er als haushoher Favorit gehandelt. Nach dem Kampf trat Clay zu den Black Muslims über, den Rückkampf gegen Liston ein Jahr später bestritt er schon unter dem Namen Muhammad Ali. Was kaum einer weiß: Clay wäre in Miami beinahe gescheitert. Zwar dominierte er in seinem tänzerischen Stil scheinbar mühelos die ersten drei Runden, doch dann griff Liston zu einem üblen Trick, der den Kampf beinahe gewendet und Clays Karriere beendet hätte, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Davon erzählt David Remnick in seinem grandiosen Buch „King of the World“*, aus dem wir hier mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlages zitieren.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Kampf einen Vorteil zu verschaffen, und die Trainer kennen sie alle. Einer der großen – und nie bewiesenen – Boxmythen ist, dass Jack Dempseys Leute ihm die Hände in Gipsverbände wickelten und ihm sagten, er solle eine Faust machen; dann tauchten sie die Hände in Wasser, ließen sie trocknen und zogen die Handschuhe drüber. Derart ausgestattet, zerschmetterte Dempsey Jess Willard die Hälfte seiner Gesichtsknochen. Andere Trainer, die weniger extrem gestimmt waren, versuchten, die Wattierung des Handschuhs von den Knöcheln herab Richtung Handgelenk zu ziehen, sodass der Treffer umso härter wurde.

Und so sagte denn Sonny Liston nach drei frustrierenden Runden zu seinem Trainer Joe Pollino, er solle sich auf ihren ganz speziellen Vorteil besinnen. Die Beweise sind vom Hörensagen, aber so zuverlässig, wie im Boxen überhaupt nur möglich. „Das ist ganz einfach“, sagte Jack McKinney, der Reporter der „Philadelphia Daily News“, der Liston und Pollino sehr nahe stand. „Unmittelbar nach dem Kampf redete sich Joe mir gegenüber alles von der Seele. Er sagte mir, Sonny habe ihm gesagt, er solle was auf die Handschuhe tun, was er auch tat. Darüber hinaus sagte er auch noch, dass sie das immer getan hätten, wenn Gefahr drohte, und dass sie es in den Kämpfen gegen Eddie Machen und Cleveland Williams getan hätten.“ Pollino sagte McKinney nicht, mit welcher Substanz er Listons Handschuhe einrieb – ein linimentartiges Öl aus Wintergrün oder Eisenchlorid, womit man Platzwunden behandelte – , allerdings sagte er, es sei eine stechende Lösung, die Clay so lange blenden sollte, bis Liston sich auf ihn einstellen und ihn k.o. schlagen konnte. „Pollino sagte mir, er habe das Zeug auf Sonnys ausdrückliche Anweisung auf die Handschuhe aufgetragen und es dann so weit er konnte unter die Ringverkleidung geschoben“, sagte McKinney. „Joe hatte deswegen erhebliche Gewissensbisse. Er war dazu gedrängt worden, aber er wusste, wenn er damit je auspacken würde, würde er nie wieder arbeiten.“

Clay boxte in der vierten Runde zunächst nach Plan, doch kurz vor dem Gong begannen seine Augen zu brennen, und als die Runde vorüber war und er auf seinem Hocker saß, war ihm, als hätte er Nadeln in den Augen. Clay war auch schon vorher getroffen worden, doch diesen Schmerz konnte er nicht identifizieren. Und plötzlich, während der Schmerz immer größer wurde, war Clay blind. Er griff sich ins Gesicht, versuchte, die Schmerzen aus den Augen zu schütteln. Er war in Panik. „Ich kann nicht sehen! Mach sie ab!“, schrie Clay in die Leere, in den Lärm der Menge. „Ich kann nicht sehen! Mach die Handschuhe ab!“

Das sollten nun die wichtigsten Minuten in Angelo Dundees zwei Jahrzehnten mit Clay werden. Ohne diese eine Minute, ohne die instinktive Reaktion des italoamerikanischen Trainers, hätte es vielleicht nie einen Muhammad Ali gegeben. Sonny Liston hätte einem, der ihn so gedemütigt, der ihn gezwungen hatte, seine Handschuhe zu präparieren, wohl kaum einen Revanchekampf gewährt; auch die Öffentlichkeit hätte sich nicht sonderlich darum bemüht, einem Angehörigen einer religiösen Sekte, die das weiße Amerika hasste, Boxgerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Während sein Kämpfer ihn anbrüllte und verlangte, er solle ihn aufgeben lassen, blieb Dundee ruhig. „Ich hatte das Problem schon einmal“, sagte er. „Ist Erfahrung nicht etwas Wunderbares? Ich hatte das 48 Jahre lang gemacht. Man kann da nicht selber hysterisch werden und die Ruhe verlieren. Dann hilft man dem Boxer nicht weiter.“ Dundee ahnte, wie schmerzhaft die Substanz war. Er hatte den Zeigefinger in Clays Augenwinkel getupft und sich den Finger dann selbst aufs Auge gelegt. Es brannte wie Feuer. Doch er nahm das nicht so einfach hin.

„Hier geht es ums Ganze, Daddy!“, brüllte Dundee Clay ins Ohr. „Lass die Scheiße! Wir geben jetzt nicht auf.“ Dundee versuchte, Clay mit dem Schwamm so viel saubereres Wasser wie nur möglich in die Augen zu träufeln. Wichtig war der Kampf und dass sein Schützling die nächste Runde überstand. „Du gehst jetzt raus und läufst!“

In diesen hektischen Sekunden hatte Dundee auch noch die Black Muslims am Hals, die unterhalb der Ecke saßen. Dundees Bruder rannte zu ihm hin und sagte ihm, die Muslims seien nun überzeugt, Angelo Dundee selbst habe Clay geblendet, und zwar wegen der italienischen Gangster, die hinter Liston standen.

Dundee konnte die Muslims brüllen hören: „Dieser Weiße da versucht, Clay zu blenden! Das ist eine Verschwörung! Eine Verschwörung!“ Dundee glaubte, seine Unschuld nur dadurch beweisen zu können, dass er den Schwamm nahm und sich selbst Wasser in die Augen rieb.

Der Gong ertönte zur fünften Runde. „Du gehst jetzt raus und läufst!“, brüllte Dundee. Clay sollte ständig herumlaufen und Liston mit seiner linken Gerade so lange von sich abhalten, bis die Lösung aus seinen Augen gewaschen war. Clay erhob sich, richtete sich auf und ging langsam los. Er ging mit brennenden Augen und wie verrückt blinzelnd in die fünfte Runde. Er konnte seinen Gegner nur in verschwommenen Konturen sehen. Liston stürmte sofort auf Clay los. So müde er auch war, wusste er doch genau, dass das nun seine Chance war. Clays einzige Hoffnung war, immer in Bewegung zu bleiben und den „Zollstock“ zu benutzen – er streckte die Linke aus und versuchte, sie in Listons Gesicht zu halten, als Messstab wie auch als Ablenkung.

„Ich habe nur gebetet, dass er nicht dahinter kam, was los war“, erzählte Clay später. „Aber er musste einfach sehen, dass ich blinzelte, also haute er mir eine schwere Linke an den Kopf und viele Schläge gegen den Körper.“ Am Anfang der Runde attackierte Liston insbesondere Clays Körper mit großen, schweren Haken gegen Rippen und Bauch, und viele fanden ihr Ziel. „Ich hab einfach nur versucht, am Leben zu bleiben, und gehofft, dass mir die Tränen die Augen ausspülten. Ich konnte sie nur für einen kurzen Blick auf Liston aufmachen, dann tat es so weh, dass ich wieder blinzelte und sie zumachte. Liston schnaufte wie ein Pferd. Er hat versucht, mich voll zu treffen, und ich bin immer bloß in der Gegend rumgelaufen, weil ich wusste, wenn er einen richtigen landet, kann es gleich vorbei sein.“

Liston drosch auf Clay ein, und die Runde ging auch an ihn, aber er war einfach zu fertig – und Clay zu geschickt – , um den entscheidenden Treffer anzubringen. Er blieb immer in Bewegung, hielt Liston auf Distanz, und wenn Liston traf, schlang Clay seine langen Arme so um ihn, dass er keinen Wirkungstreffer mehr anbringen konnte. Diese Strategie funktionierte nicht lange, dazu war Liston einfach zu stark, aber sie brache Clay die zwei, drei Minuten, die er brauchte.

Liston drosch, aber Clay kniff nicht

Eine halbe Minute vor Ende der Runde wurden Clays Augen wieder klar. Das war der endscheidende Augenblick des Kampfs, der Augenblick, in dem Liston erkannte, dass er den Zeitraum, als sein Gegner geblendet war, nicht genutzt hatte. Liston war ein Rabauke. Im Ring wie auch als Gorilla beim Mob hatte er sich immer auf seine Einschüchterung verlassen, darauf, dass die anderen kniffen. Doch Clay kniff nicht.

Zur sechsten trat Clay wieder mit klarem Blick und frischem Schwung an. Er verzichtete auf seine Choreographie und machte sich, nahezu die ganze Runde flachfüßig, daran, Liston zu bearbeiten, verdoppelte seine Jabs, brache Kombinationen, linke Haken, rechte Uppercuts im Clinch – und alle fanden ihr Ziel. Liston hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen. Er bezahlte nun für jeden Hotdog und Whiskey, für jeden Nachmittag mit den Prostituierten in der Collins Avenue, für jeden Lauf, den er aus Arroganz abgekürzt hatte. Er wusste nun, dass nicht einmal Betrügereien etwas brachten. Clay hatte geglaubt, es werde wohl acht Runden dauern, bis Liston so müde, so zerschlagen war, doch nun wusste er, dass er sich nicht mehr zurückzuhalten brauchte.

„Einmal“, erinnerte sich Clay, „traf ich ihn achtmal hintereinander, bis er sich vornüber krümmte. Ich weiß noch, dass ich ungefähr dachte: ,So, du alter Drecksack! Und du willst so groß und böse sein!’ Es war aus mit ihm.“ Kurz vor Ende der Runde schoss Clay zwei linke Haken auf Listons Kopf ab, und es war ein Wunder, dass der Champion da noch nicht zu Boden ging.

Der Gong ertönte, die sechste Runde war zu Ende. Liston ging mit leerem Blick in die Ecke. „Jetzt reicht’s“, sagte er und setzte sich hin. Zum ersten Mal an dem Abend verspürten seine Trainer Joe Pollino und Willy Reddish so etwas wie ein Aufbäumen. Jetzt reicht’s. Jetzt würde Sonny sich endlich in den Kampf stürzen, dachten sie. Jetzt würde er diesem Knaben zeigen, dass man nicht mit ihm spielte. Endlich war er wütend genug, um zu gewinnen. Beide Männer machten sich an die Arbeit. Liston hatte über Schmerzen in den Schultern geklagt, also massierten sie ihm die Schultern und den Rücken, sie gaben ihm Wasser und schmierten ihm Vaseline auf die Brauen. Dann setzte Pollino Liston das Mundstück ein. Liston spuckte es wieder aus. „Ich hab gesagt… jetzt reicht’s!“

Da begriffen Pollino und Reddish, was Liston meinte. Er hatte aufgegeben. Sie redeten auf ihn ein, sagten, er könne den Titel doch nicht einfach so auf dem Hocker aufgeben, er müsse jetzt gegen Clay kämpfen, den Kampf an sich reißen und gewinnen. Aufgeben war undenkbar, zumal in einem Titelkampf im Schwergewicht. Liston war kein einziges Mal k.o. geschlagen worden, und jetzt wollte er aufgeben?

Das letzte Mal, dass ein Schwergewichtler so abgetreten war, war am 4. Juli 1919 in Toledo, als Willard auf den Gong zur vierten Runde gegen Dempsey nicht mehr reagierte. Willard aber hatte keine Schmerzen in der Schulter und auch keine zwei Platzwunden gehabt; sein Kiefer war gebrochen, seine Rippen waren angeknackst, und auf der Matte lagen zwei Zähne von ihm.

Liston schien das egal zu sein. Er starrte geradeaus, durch seine Betreuer hindurch.

„Jetzt reicht’s.“

Willy Reddish atmete tief aus und seufzte. „Tja“, sagte er, „dann vielleicht ein anderes Mal.“ Sonny Liston gab auf, und Cassius Clay war Weltmeister.

Mit 22 Jahren.

* David Remnick: „King of the World. Der Aufstieg des Cassius Clay oder die Geburt des Muhammad Ali“. Berlin Verlag (2000)

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