Sport : Die Pleite überwinden

Der Ruderer Marcel Hacker will auf dem Rotsee beweisen, dass er immer noch ein Star ist

Frank Bachner

Berlin - Manchmal fährt Marcel Hacker vom „Royal“ in Luzern zum deutschen Mannschaftshotel. Unregelmäßig nur, es sind immerhin 20 Kilometer. Aber im anderen Hotel sind derzeit nicht bloß die anderen deutschen Ruderer, sondern auch ihre Physiotherapeuten. Und die braucht Hacker ab und zu. Nicht mal er kann alles allein machen. Er sagt dann „Hallo“ und „Wie geht’s?“ zu den anderen, gerade so viel, dass es nicht unhöflich wirkt. Aber eigentlich will er seine Ruhe. Er wohnt seit Jahren in anderen Hotels als die Kollegen. Er und sein Trainer Andreas Maul, um genau zu sein. Die beiden bilden seit fünf Jahren eine Art Wagenburg, zwei Eigenbrötler, die ideal ins Bild passen. Einer-Ruderer gelten ja traditionell als ungewöhnlich.

Maul weiß, dass „über uns getuschelt wird“. Das wird am Wochenende, bei der legendären Rotsee-Regatta in Luzern, nicht anders sein. Unmittelbar danach wird der deutsche Kader für die Weltmeisterschaft nominiert. Hacker ist eigentlich gesetzt, er wird vermutlich sogar am Sonntag das Finale gewinnen. Er hat schon den Weltcup in München dominiert und davor beim Weltcup in Eton Platz zwei belegt. Der 28-Jährige hat zwischen 2001 und 2003 insgesamt 41 Rennen in Folge gewonnen, er wurde 2002 Weltmeister, deshalb hat er sich nie groß um das Gerede gekümmert.

Sein gewaltiges Ego kann nur einer ankratzen: Marcel Hacker. Und sein Ego war angekratzt, das gibt er zu. „Die Niederlage habe ich ein halbes Jahr verarbeitet, es tat weh“, sagt er. Für Hackers Verhältnisse ist das verdammt ehrlich. Die Niederlage, das war das Halbfinal-Aus bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Der Favorit war nicht mal im Endlauf.

Die Rotsee-Regatta soll wieder eine Bestätigung sein, für ihn natürlich, nicht für die anderen oder den Verband: „Ich bin wieder top“, das will er sich beweisen. Nach Athen hat er sich erst mal ein neues Rennrad gekauft. „Eine Art Therapieversuch“, sagt Maul. Hacker ist dann zwei Radrennen gefahren, kleinere Geschichten, aber er hat beide gewonnen. Ruderer fahren oft Rad, das ist nicht ungewöhnlich. „Aber der Sieg war nicht wichtig, mir ging es um den Spaß an der Freude“, sagt Hacker. Er musste wieder zu sich finden. Maul, der Trainer, hat nur abgewartet. Aber er war auf alles gefasst, auch aufs Karriereende. Doch irgendwann knurrte Hacker: „Hast du schon Kalifornien gebucht?“ Da wusste Maul, dass es weiterging. Nach Kalifornien gehen sie immer ins Trainingslager.

Hacker mag nicht wirklich über die Zeit reden. Aus Imagegründen, aber auch, weil er wohl wirklich viel verdrängt hat. Man kann nur erahnen, wie sehr ihn die Pleite von Athen geschockt hat. Maul sagt: „Da steht ja plötzlich das ganze System auf dem Spiel.“ Bleiben die Sponsoren, wird die Sporthilfe gekürzt? Hacker lebt von Sponsoren. Eine Saison kostet ihn 40 000 Euro. Maul bekommt nur dann Geld von Hacker, wenn der etwas übrig hat. Deshalb arbeitet der Trainer auch noch für den Weltverband Fisa. Ein Sponsor hat nach Athen seinen Vertrag nicht verlängert, das war von vornherein klar. Aber Hacker bekam durch die Athen-Pleite auch keinen Ersatz. „Wir müssen jetzt den Gürtel enger schnallen“, sagt Maul. Wenigstens hatte Hartmut Mehdorn, der Chef der Deutschen Bahn, noch in Athen Hacker erklärt, dass der Vertrag verlängert werde. Die Bahn ist Hackers wichtigster Sponsor.

Auch deshalb konnte Hacker, nach seiner Findungsphase, wieder ganz den Kämpfer geben. Im März war er vom Fahrrad gefallen, der Mittelfinger der linken Hand stand ab. Er renkte sich den Finger selber wieder ein. Es gab keine Operation, aber der Unterarm wurde trotzdem drei Wochen lang geschient. Eigentlich sollte die Schiene länger dran bleiben. Aber Hacker ließ das nicht zu. Er kürzte die Schiene kurzerhand auf eigenes Risiko. Dann stieg er wieder ins Boot.

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