Sport : Die Relativität auf dem Rasen

Während die deutsche Fußball-Nationalelf erfolgreich ist wie lange nicht, haben die Klubs ihren Schrecken verloren

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt

Von Stefan Hermanns

und Michael Rosentritt

Berlin. Seinen Satz des Jahres sprach Rudi Völler kurz vor der höchsten Niederlage des Jahres. „Es ist schön, dass es für einen deutschen Schüler wieder erlaubt ist, die Schule zu schwänzen, um das Training der Nationalelf zu sehen.“ Das 1:3 tagsdrauf gegen Holland schmälerte nicht den Erfolg des Jahres. Deutschland ist Vizeweltmeister. Die halbe Menschheit hat zugesehen. Wir sind wieder wer! Das Team von Rudi Völler hat den Deutschen ihr Vertrauen, ihren Stolz und ihre Sympathie in und für die Nationalmannschaft zurückgegeben. Das allerdings muss der deutsche Fußball auf anderer Ebene teuer bezahlen. In den europäischen Vereinswettbewerben spielen die Deutschen eine untergeordnete Rolle oder gar keine mehr.

Bayern München ist in der Champions League jämmerlich gescheitert. Nun drohen auch Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen die Puste auszugehen. Im Uefa-Cup ist Deutschland nur noch mit zwei von vier gestarteten Vereinen vertreten. Hertha BSC und Stuttgart zitterten sich mit viel Glück in die vierte Runde. Bremen und Schalke haben sich noch vor dem Winter verabschiedet.

Auffällig ist, dass sich das Abschneiden deutscher Vereine in den internationalen Klubwettbewerben umgekehrt proportional zu den Leistungen der Nationalelf verhält. Als der FC Bayern 1996 den Uefa-Cup gewann, begann für den deutschen Vereinsfußball die erfolgreichste Phase, die in der Frage gipfelte: Wozu brauchen wir eigentlich noch die Nationalmannschaft? Bei der WM 1994 und 1998 schied die deutsche Elf jeweils im Viertelfinale aus, bei der EM 2000 war nach der Vorrunde Schluss. Demgegenüber standen seitdem deutsche Klubs neunmal in Endspielen um internationale Titel. 1997 holte Schalke den Uefa-Cup. Dortmund gewann die Champions League und wurde Weltpokalsieger. Nach der verkorksten WM 1998 standen die Bayern 1999 im Finale der Champions League, nach der desaströsen EM 2000 gewannen die Bayern 2001 die Champions League und wurden Weltpokalsieger.

Die Nachwirkungen der WM

Dass ein Turnier wie eine Fußballweltmeisterschaft nachwirken werde, hatte Völler seiner Mannschaft bereits in der Finalnacht von Yokohama prophezeit. Nur nicht wie. Dass ein Spieler wie Miroslav Klose im Speziellen eine ganz schwere Zeit vor sich habe, sagte Völler dem erfolgreichsten deutschen WM-Torjäger offen ins Gesicht. „Miro, ab jetzt wird sich vieles ändern.“ Dass Klose aber in ein solches Loch fallen würde, ahnte der Teamchef nicht. Mal abgesehen von zwei Treffern im DFB-Pokal beim Uhlenhorster SC Paloma, erzielte Klose in der Bundesliga bisher drei Tore – zuzüglich eines Eigentores. Damit reiht er sich ein in eine Riege von Spielern, bei denen das große asiatische Turnier nachwirkt. Etwa Oliver Kahn. Während er bei der WM noch als „King-Kahn“ oder „Titan“ verehrt worden war, erreicht derselbe Herr in derselben Funktion nicht mehr seine Bestform. Ebenso wenig wie die Dortmunder Torsten Frings und Sebastian Kehl. Und erst die Leverkusener. Carsten Ramelow und Oliver Neuville spielen nicht wiedererkennbar. Abgeschwächt gilt das auch für Bernd Schneider. Im WM-Finale konnte es der Mittelfeldspieler mühelos aufnehmen mit den südamerikanischen Ballartisten. Die internationale Presse nannte ihn den „deutscher Brasilianer“. Was würde sie wohl heute schreiben?

Es ist schon verwunderlich, warum die deutschen WM-Helden das Glück über ihren Erfolg nicht hinüberretten konnten in ihre Vereine. Oder: Warum dominieren ausgerechnet Inter und AC Mailand das Geschehen. Die Italiener waren es doch, denen durch zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen ein erfolgreicher WM-Verlauf verbaut worden war. Eine ganze Nation verfiel in eine Depression. Ganz zu schweigen von der schwierigen wirtschaftlichen Situation einiger Vereine. Der Spielbetrieb in der Serie A startete um Wochen später. Sind das die Faktoren, aus denen Spieler ihre Kraft ziehen und Mannschaften stark machen?

Neue Ziele in Leverkusen

Es ist bezeichnend, wenn Leverkusens Manager Calmund nach der Niederlage in Mailand sagt, dass das Bundesligaspiel gegen Nürnberg viel schwerer wird. „Wir müssen gewinnen, um ans Tabellen-Mittelfeld ranzukommen.“ Bei Bayer haben sich die Ansprüche verschoben. Was nicht nur an müden oder überspielten WM-Spielern liegt. In Michael Ballack und Zé Roberto verlor die Mannschaft tragende Figuren. Zur selben Zeit kaufte der AC Mailand solche ein: Rivaldo, Seedorf und Nesta.

Vor nicht einmal acht Monaten stand Leverkusen im Finale der Champions League, Dortmund im Finale des Uefa-Cups. Davon sind beide Vereine momentan so weit entfernt, wie der Bundeskanzler von seinen Wahlversprechen. Während Leverkusen nur noch ein Wunder helfen kann, um das Viertelfinale zu erreichen, tröstete Rudi Völler die Dortmunder. „Die beste Mannschaft der Welt aus Madrid steht nur auf dem letzten Platz, Dortmund ist immerhin Zweiter.“

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