Sport : Die Rückkehr des Spielmachers

Stefan Hermanns

Die Sache macht deutliche Fortschritte: Nachdem über Wochen die alten Nachrichten vom Herbst 2000 als Topnews zu lesen waren und die Internetseite dann eine Zeitlang zur Überarbeitung komplett vom Netz genommen war, kann man Sebastian Deisler jetzt wieder auf seiner Homepage besuchen - und zum Beispiel ein Interview lesen, das er am Heiligen Abend gegeben hat: "Danke, allen meinen Fans hier auf der Homepage, meinen Freunden, schöne Festtage für euch und eure Familie", steht da. Ja, danke gleichfalls.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Richtig aktuell ist das nicht, andererseits ist seit Weihnachten im Berufsleben des Sebastian Deisler auch nicht mehr allzu viel Aufregendes passiert. Das aber könnte sich bald wieder ändern. Heute nimmt der lange verletzte Fußball-Nationalspieler erstmals wieder am Mannschaftstraining seines Klubs Hertha BSC teil - 151 Tage nach seiner schweren Knieverletzung, die sich Deisler im Oktober bei der 0:4-Niederlage seines Klubs gegen den Hamburger SV zugezogen hat. Gestern schon stand Deisler erstmals wieder gemeinsam mit seine Kollegen auf dem Platz, trainierte allerdings noch alleine mit dem Physiotherapeuten Jörg Drill.

"Er hat eine ziemlich lange Leidenszeit hinter sich", sagt Falko Götz. Für Herthas Trainer, der die Mannschaft erst nach Schluss der Transferliste übernommen hat und die Verantwortung abgibt, bevor sie wieder geöffnet wird, ist Deisler gewissermaßen der einzige Neuzugang seiner kurzen Amtszeit. Integrationsprobleme wird der Neuling nicht haben, die Kollegen kennt er bestens, und doch ist die Prognose schwierig, welche Rolle Deisler noch wird spielen können. Das hängt vor allem von seiner körperlichen Konstitution ab. "Ich bin noch nicht hundertprozentig fit", sagt Deisler, "aber bald."

"Sportbild" hat vorige Woche sämtliche Verletzungen seit Deislers Bundesligadebüt im September 1998 dokumentiert. Seine Krankenakte ist so lang wie die Wochenbilanz eines Kreiskrankenhauses: von Leistenbeschwerden über Muskelfaserrisse bis zum Kreislaufkollaps. Und immer wieder das Knie: Kreuzbandanriss, Meniskusriss, Kreuzbandriss ... Kein Körperteil ist so labil wie das komplizierte Gebilde Knie, das gerade bei Fußballern extremen Belastungen ausgesetzt ist. Matthias Sammer musste seine Karriere beenden, weil sich bei einer Operation Bakterien im Knie eingenistet hatten, Karsten Bäron wurde nach einem Meniskusschaden mehrere Male operiert, ehe er nach diversen Comeback-Versuchen mit einem irreparablen Knorpelschaden im Knie einen Antrag auf Sportinvalidität stellte.

Solche Beispiele bedrücken auch Sebastian Deisler, der sich in seinen Verletzungspausen immer vollständig aus der Öffentlichkeit zurückzieht, um unangenehmen Fragen auszuweichen. Diesmal lautete seine Standardantwort: "Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Ich werde nicht zu früh anfangen. Und ich werde keinen Termin für ein Comeback nennen." Dennoch war anfangs von sechs Wochen Pause die Rede. Danach hieß es, Deisler solle nach der Winterpause ins Training zurückkehren. Jetzt ist es Mitte März. Wann er wieder für Hertha spielt, ist noch längst nicht geklärt. "Das Schlimmste wäre, wenn wir ihn jetzt unter Druck setzen", sagt Falko Götz. "Er hat genug Zeit." Das stimmt natürlich nicht. Acht Spiele bleiben in dieser Saison, dann wechselt Deisler zu Bayern München. Aber die nötige Zeit will er sich nehmen, und dass er unter Umständen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft verzichten muss, nimmt Deisler zum Wohle seiner Gesundheit in Kauf.

Falko Götz glaubt, "dass ich Sebastian auf jeden Fall noch brauchen werde, gerade bei den schweren Spielen am Ende der Saison". Ein wenig ist das zuletzt bezweifelt worden: Hertha spielt im Moment erfolgreich wie lange nicht - ohne Deisler. In den vergangenen Wochen wurde kaum noch von ihm geredet. Hertha braucht Deisler nicht? "Wir werden den Gegenbeweis antreten", sagt Götz. Die Position, auf der er vor seiner Verletzung gespielt hat, wird jedoch inzwischen zur Zufriedenheit aller von Marcelinho ausgefüllt. Eine Rückkehr Deislers als Spielmacher scheint schon deshalb ausgeschlossen, weil seine Zeit bei Hertha bis zum Saisonende begrenzt ist. Marcelinho hingegen ist die Zukunft. "Ich habe bestimmte Vorstellungen", sagt Falko Götz. "Sebastian wird eine Rolle spielen, mit der er sich identifizieren kann." Vermutlich kann sich Sebastian Deisler mit allem identifizieren. Hauptsache, er spielt wieder Fußball.

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