Sport : Die Ruhe im Sturm

Rudi Völler war mal ein Weltklasseangreifer – einen wie sich hat der Teamchef der Nationalmannschaft nicht

Stefan Hermanns

Köln. Der Star des Tages hört auf den exotischen Namen Travego, ist obsidianschwarz – und ein Reisebus. Travego wird die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Zukunft durch die Welt geleiten, und zwar mit allem, was die moderne Technik zu bieten hat: elektronischem Stabilitäts-Programm, Anti-Blockier-System und sogar der geheimnisvollen Antriebs-Schlupf-Regelung. Gestern wurde der Bus dem Deutschen Fußball-Bund öffentlich übereignet, und weil bei solchen Terminen viele warme Worte gesprochen werden, äußerte der DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die Hoffnung, „dass dieser Bus die Mannschaft zu vielen Erfolgen führt“. Mit ein bisschen bösem Willen könnte man den Satz auch so deuten, dass Mayer-Vorfelder den Spielern so etwas schon gar nicht mehr zutraut.

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Die deutschen Torhüter zählen weiterhin zur Weltklasse, die Abwehr der Nationalmannschaft ist ordentlich besetzt, das Mittelfeld mit Hamann, Frings und einem guten Ballack sogar mehr als das. Was im internationalen Vergleich jedoch ein wenig bedrückt, ist der Zustand des Sturms. Vier Angreifer hat der frühere Stürmer Rudi Völler in sein Aufgebot für das Testspiel gegen Belgien in Köln (heute, 20.30 Uhr, live in der ARD) berufen. Nach der Absage von Miroslav Klose bleiben noch drei. Hinzu kommt der halbe Angreifer Paul Freier, der neben dem Stuttgarter Kevin Kuranyi heute von Beginn an spielen wird.

Die Krise des deutschen Angriffs lässt sich am besten mit Zahlen illustrieren: Fredi Bobic, vier Saisontore, seit 464 Spielminuten nicht mehr getroffen, Kuranyi, sieben Tore, 735 Minuten erfolglos, Oliver Neuville, fünf Tore, zuletzt nur Ersatzspieler in Leverkusen, Paul Freier, gar kein Saisontor. Kuranyi findet es „schon nervig, dass die Minuten gezählt werden“, während Bobic glaubt, dass diese Marotte nur zeige, „welche Wichtigkeit die Nationalmannschaft hat“. Und überhaupt dürfe man sich nicht zu viele Gedanken machen.

Nur, wie soll man die Krise einfach ausblenden, wenn schon seit Monaten vor jedem Länderspiel ausladend über die Defizite im Sturm diskutiert wird? Rudi Völler hat zu diesem Thema inzwischen schon „viele Schlaumeier“ mitreden hören, dabei sei die Lösung „sehr banal, sehr einfach“. Aus reicher Erfahrung kann Völler nämlich sagen, dass ein Stürmer nur einmal treffen müsse, „dann ist es wieder vorbei“. Es geht dann gewissermaßen wieder bei null los. Das Paradoxe ist, dass ein guter Sturm den Erfolg einer Mannschaft begünstigen mag, dass ein schlechter Sturm aber nicht unbedingt zum Misserfolg führen muss. Bestes Beispiel sind die Franzosen, die 1998 praktisch ohne Sturm Weltmeister wurden, vier Jahre später aber schon in der Vorrunde ausschieden, obwohl die Torschützenkönige der italienischen, der englischen und der französischen Liga in ihrem Kader standen. In den drei Gruppenspielen erzielte Frankreich kein einziges Tor.

In Deutschland ist Rudi Völler im Grunde nur der Verwalter einer misslichen Situation, die er nicht zu verantworten hat. Unter den zehn besten Stürmern der Bundesliga sind zurzeit nur zwei, die Völler in die Nationalmannschaft berufen könnte: der gerade verletzte Miroslav Klose und der bereits 35 Jahre alte Martin Max, der 16 Tore für Hansa Rostock erzielt hat – so viele wie alle vier deutschen Angreifer zusammen, die im Kader für das Spiel gegen Belgien stehen.

Max aber war schon vor zwei Jahren zu alt für die Nationalmannschaft, Klose, Kuranyi und der Münchner Benjamin Lauth sind wahrscheinlich immer noch zu jung, weswegen sie zumindest weiterhin die Hoffnung auf eine gesündere Zukunft verkörpern. Völler sagt über Kuranyi, „dass er noch einen Tick egoistischer sein muss“. Doch der Stuttgarter hat sich auch gestern wieder offenbart als „ein Spieler, der immer seine Mannschaft sieht“. Am Sonntag hat er mit dem VfB gegen Werder Bremen gespielt, das atemberaubende Spiel endete 4:4. Ein Tor aber hat Kuranyi nicht geschossen. „Trotzdem war es ein schönes Erlebnis für mich“, sagt er.

Vielleicht ist das die falsche Einstellung..

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