Sport : Die Saison der Ehrlichkeit

Nach den Manipulationen müssen Juventus Turin, Lazio Rom und der AC Florenz in die zweite Liga

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Der Glücksrausch dauerte fünf Tage. So lange dominierte bei den italienischen Fans die Freude über den vierten WM-Titel, doch seit gestern ist Ernüchterung eingetreten. Das römische Sportgericht um den ehemaligen Verfassungsrichter Cesare Ruperto hat sein Urteil im italienischen Manipulationsskandal bekannt gegeben. Am härtesten traf es den italienischen Rekordmeister Juventus Turin, der in die zweite Liga absteigen muss und in der kommenden Saison 30 Punkte abgezogen bekommt. Außerdem sind Juventus die Titel für die Saison 2005 und 2006 aberkannt worden.

Der AC Florenz und Lazio Rom steigen auch in die Serie B ab und müssen ebenfalls mit einem Handicap starten. Florenz werden in der nächsten Saison der zweiten Liga zwölf Punkte und Rom sieben Punkte abgezogen. Allein der AC Mailand bleibt in der Serie A, wurde allerdings auf den viertletzten Platz zurückgestuft und darf daher nicht an europäischen Wettbewerben teilnehmen. Zudem startet der Klub des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit 15 Punkten Minus in die kommende Saison.

Neben den Vereinen erhielten auch die Verantwortlichen des Skandals Strafen. Für den ehemaligen Manager von Juventus Turin, Luciano Moggi, sprach das Gericht ein mindestens fünfjähriges Berufsverbot sowie eine Geldstrafe von 5000 Euro pro manipuliertem Spiel aus. Auch Mailands Vizepräsident Adriano Galliani wurde für zwei Jahre gesperrt. Selbst der ehemalige Verbandspräsident Franco Carraro und sein Stellvertreter Innocenzo Mazzini werden fünf Jahre lang gesperrt.

Darüber hinaus müssen insgesamt acht Schiedsrichter und zwei Linienrichter ihre Lizenz abgeben. Insgesamt waren 26 Funktionäre der beteiligten Vereine angeklagt. Das Fußballkartell des Juventus-Managers erfüllt für das Gericht den Strafbestand einer kriminellen Vereinigung. Deshalb ermittelt inzwischen auch die Staatsanwaltschaft.

Luciano Moggis Instrument der Macht war die Sportler-Agentur GEA, deren Präsident sein Sohn Alessandro ist. Sie wurde zusammen mit dem zwielichtigen römischen Bankier Cesare Geronzi vor sechs Jahren gegründet und hat mittlerweile 300 Spieler und Trainer unter Vertrag. Durch diese Agentur beherrschte Moggi nicht nur den Transfermarkt. Er konnte Einfluss auf den Ausgang der Ligaspiele nehmen, aber auch auf die Nationalmannschaft. Lippis Sohn Davide arbeitete als Spielermanager eng mit der GEA zusammen. Selbst Lippi soll von der GEA gemanagt worden sein. Von Moggis Macht profitierten auch Lazio Rom und der AC Florenz, die dadurch den Abstieg in die zweite Liga verhinderten. Der AC Mailand indes baute durch Mittelsmänner ein Gegenkartell auf, das nach Ansicht der Ermittler Moggis Macht nicht nachstand.

Wer sich ihm in den Weg stellte, musste mit einem Karriereknick oder dem Abstieg rechnen. Moggi nahm die vielen Empfehlungsgesuche im Stile eines Paten an. In Moggi sah Nationaltrainer Marcello Lippi einen Verbündeten, dessen Protektion sich auch für sein Amt als nützlich erwies. „Mit Moggi habe ich acht Jahre lang bei Juventus zusammengearbeitet, und als ich mein Amt als Nationaltrainer angetreten habe, habe ich mein Verhältnis zu ihm sicherlich nicht abgebrochen“, sagte Lippi vor WM-Beginn. Auf die kompromittierenden Telefonate mit Moggi angesprochen, erwiderte er: „ Ich habe Anrufe von allen möglichen Vereinsfunktionären erhalten.“ Lippi ist unmittelbar nach dem WM-Sieg zurückgetreten, weil er ahnte, dass nun wieder Enthüllungen über ihn die Schlagzeilen beherrschen würden.

Bis zuletzt hatte Mailands Präsident Silvio Berlusconi für eine Amnestie plädiert. Dieses Eilverfahren, sagte Berlusconi, bestrafe in erster Linie Spieler und Fans. Der kommissarische Verbandsleiter Guido Rossi aber ließ sich nicht beirren. „Mich interessiert nicht, was Berlusconi sagt“, sagte Rossi. Der ehemalige Ministerpräsident und Medientycoon könne sich nicht zum Richter aufspielen und Regeln aufstellen. Berlusconis Verluste dürften sich nach dem Urteil auf eine erhebliche zweistellige Millionensumme belaufen. Er muss nach den Zwangsabstiegen erhebliche Einbußen bei den Fernsehrechten hinnehmen, die zum Teil bei seinen Kanälen liegen.

Dabei ist das Gros der mehr als 100 000 Abhörprotokolle noch nicht ausgewertet worden. Täglich dürften nun neue, kompromittierende Details ans Tageslicht kommen. Die Klubs können zwar gegen das Urteil in die Revision gehen. Die endgültigen Urteile müssten aber kommende Woche gesprochen werden, da der Verband bis Ende Juli die Teilnehmer für die internationalen Wettbewerbe melden muss. Sollten die Klubs, wie angekündigt, die Verwaltungsgerichte anrufen, würden sie auf Jahre aus den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Das hat der europäische Fußballverband Uefa bereits angekündigt.

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