Sport : Die Schmerzgrenze weit ausgedehnt

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Von Frank Bachner

Überrascht? Wegen Jan Ullrichs positiver A-Probe? Keine Spur. Werner Franke, der Dopingexperte aus Heidelberg, nimmt den neuesten Dopingverdacht eher ernüchtert zur Kenntnis. „Der Radsport ist seit Jahren verseucht. Und Amphetamine sind ein Doping-Klassiker im Radsport.“ Beim Giro d’Italia 2002 und bei vorangangenen Tour-de-France-Rundfahrten sind reihenweise bei Razzien Amphetamine gefunden worden. „Amphetamine sind ein klassisches Aufputschmittel. Sie zögern die Ermüdung hinaus. Ein Fahrer kann deshalb länger trainieren“, sagt Franke.

Amphetamine regen ähnlich wie Kokain das zentrale Nervensystem an. Sie erhöhen den Blutdruck und beschleunigen den Puls. Für jemanden, der mit Doping-Kontrollen rechnen muss, ist es relativ leicht, einer positiven Probe zu entgehen. „Amphetamine werden zügig ausgeschieden“, sagt Franke. Zudem kann man diesem Ausscheiden aus dem Körper noch erheblich nachhelfen. Wenn es jemand darauf anlegt, dann sind die Mittel nach ein paar Stunden nicht mehr nachweisbar.

Angeblich wirken Amphetamine ja auch als Appetitzügler. Doch Franke bezweifelt das. „Es würde mich sehr wundern“, sagt er, „in der ganzen Fachliteratur ist mir kein Fall bekannt, in dem so etwas erklärt wird.“ Sicher ist dagegen, dass Amphetamine unters Rauschgiftgesetz fallen, weil sie schnell abhängig machen. In der Partyszene sind Amphetamine auch als „Speed“ bekannt. Die Substanz ist auch in der Modedroge Ecstasy. Appetitzügler wäre freilich ein gutes Stichwort für Ullrich. Der Radstar nimmt trotz harten Trainings schnell zu und hat nach der Winterpause regelmäßig mit Übergewicht zu kämpfen.

Amphetamine sind wirklich ein Klassiker im Radsport. Der Engländer Tom Simpson starb 1969 bei der Tour de France am Mont Ventoux an einem Amphetamin-Cocktail. Und im Februar 2002 wurde Bernard Sainz, der Betreuer des belgischen Radstars Frank Vandenbroucke, in Gent verhaftet, nachdem man in seinem Auto reihenweise Dopingmittel gefunden hatte. Darunter waren auch größere Mengen Amphetamine. Sainz, in der Szene Dr. Mabuse genannt, hatte erklärt, es handele sich um „homöopathische Produkte für Radrennfahrer“.

Amphetamine waren auch zu DDR-Zeiten im Einsatz. Spieler der DDR-Fußball-Nationalelf, darunter - nach Stasi-Unterlagen - auch der spätere Hertha-Coach Falko Götz, hatten diese Aufputschmittel erhalten. In der Szene hießen die Mittel „die Zweite-Halbzeit-Droge“.

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