• Die Spieler verkraften den allwöchentlichen Prioritätenwechsel weder in den Köpfen noch in den Beinen

Sport : Die Spieler verkraften den allwöchentlichen Prioritätenwechsel weder in den Köpfen noch in den Beinen

Michael Rosentritt

Ausgebrannt. Jürgen Röber benutzt das Wort gleich mehrfach in seiner eher geflüsterten Analyse. Seine Mannschaft ist angekommen - am vorläufigen Höhepunkt sportlicher Leidensfähigkeit. Hertha BSC verliert in Frankfurt 0:4, schlimmer geht es kaum. "Wichtig ist jetzt, dass wir 14 Tage Pause haben, um uns körperlich und geistig zu erholen. Wir haben einiges aufzuarbeiten." Welche Formel der Trainer dafür auch finden mag - es werden kaum schmeichelnde Worte sein, die er an seinen Zirkel ausgebrannter Spieler richten wird.

"Es fehlt einigen an nötiger Konzentration, und wir machen Fehler, die wir in der letzten Saison nicht gemacht haben." Röber sagt dies - und bleibt ganz gelassen dabei. Vielleicht auch, weil er die eigentlichen Gründe dafür kennt. Röber spricht vom Preis, den seine Mannschaft in der Bundesliga dafür zu zahlen habe, dass sie in der Zwischenrunde der Champions League steht. "Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison", sagt Röber. "Die Frage stellt sich immer wieder." Hier die Siege gegen Mailand und Chelsea, da die Pleiten in der Liga. "Wenn du regelmäßig am Limit spielst, dann fehlt dir was." Röber weiß, dass so etwas wie eine Entschuldigung klingt. "Ich will das nicht entschuldigen. Wir müssen der Mehrbelastung Tribut zollen und lernen, damit umzugehen." Es ist spekulativ, der Frage nachzugehen, ob die Berliner denn in der Liga besser stünden, wenn die Spiele in der Champions League nicht gewesen wären. Oder: Was wäre, wenn der Erfolg auf internationalem Terrain ausgeblieben und Hertha BSC trotzdem im defensiven Mittelfeld der Tabelle zu finden wäre?

Auch Röber wird nicht abstreiten können, dass sich in den Köpfen seiner Fußballer Woche für Woche ein Prioritätenwechsel stattfindet. Mit Leidenschaft und Laune ging es gegen feinste Adressen europäischen Fußballs. Und das geht weiter so mit Barcelona und Porto. Für Unterhaching und Frankfurt bleibt dann kaum etwas übrig. "Die Bundesliga darf nicht in den Hintergrund treten", predigt Röber immerfort. Doch gerade der Trainer sieht, "dass nach vorn und nach hinten das letzte Quäntchen fehlt." Röber will die Situation nicht "dramatisieren". Sechs Punkte, so hat er errechnet, fehlen seiner Mannschaft zurzeit. "Gegen Bremen, Haching und Stuttgart spielen wir nur 1:1. Aber diese Spiele hätten wir gewinnen müssen." Das sind nur drei der sechs Unentschieden. Auch Frankfurt darf mit aufgefädelt werden, denn die Berliner hatten das Spiel eigentlich im Griff. Doch die Kette der Verkettungen wird immer länger.

Röber denkt voraus. Am übernächsten Sonnabend kommt Kaiserslautern. Dienstag darauf der FC Barcelona. Irgendwann spielt Hertha dann noch im DFB-Pokal in Mainz. Bis Weihnachten folgen sechs, sieben englische Wochen. "Wir tanzen auf drei Hochzeiten", sagt Röber, für ein solches Programm brauche man Leute wie Tretschok, Rehmer, Deisler, Dardai, Hartmann, "die uns immer noch - oder jetzt wieder - fehlen. Wir hätten weniger Probleme, wenn wir mit einem großen und gesunden Kader in die Saison gegangen wären." Gewiss, das Verletzungspech. Spieler wie Sverrisson, Rekdal oder van Burik waren zurückgekommen, "mussten sofort ran und waren damit immer wieder überfordert", erzählt Röber. "Jeder Spieler, der nach einer Verletzung hart gefordert wird, fällt nach ein paar Spielen in ein Loch." Mit derartigen Problemen hätten zwar auch andere Mannschaften zu kämpfen, "aber für uns ist das neu". Röber will die kommenden Tage nutzen, "um Grundlagen zu schaffen. Die Spieler müssen sich auch geistig erholen. Man kann ihnen nicht unterstellen, dass sie nicht wollen, aber im Augenblick fehlt überall ein Stückchen." Das war auch bei den beiden verlorenen Spielen gegen Istanbul und Chelsea deutlich zu sehen.

Gestern Abend hat sich Röber den FC Barcelona beim blamablen 1:2 gegen Schlusslicht Malaga angeschaut und wird auf andere Gedanken gekommen sein. Vielleicht auch, was sein Personal anbelangt. Viele Verletzte und viele Spiele, vielleicht zu viele auf einmal, sind das eine. Der andere Aspekt ist ein leiser Zweifel an der Qualität des bestehenden Personals.

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