Sport : Die Torjägerkanone

Nicht nur wegen seiner Interviews bot Ailton stets gute Unterhaltung – jetzt geht die Karriere eines einzigartigen Fußballers zu Ende

Mathias Klappenbach

Berlin - 80 Minuten sollte das Spielchen eigentlich noch dauern, ehe es beendet wurde. Ebay stoppte im März des vergangenen Jahres die Versteigerung der Torjägerkanone von Ailton, weil dieser eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte. Ein Berater, dem Ailton angeblich 200 000 Euro schuldete, wollte die Auszeichnung zu Geld machen. Wieso er sie überhaupt in Händen hatte, blieb unklar, das Höchstgebot lag jedenfalls bei 600 000 Euro. Viel Geld für einen kleinen Pokal, aber für ambitionierte Sammler war das gute Stück sicher etwas besonderes. Denn auch Ailton war etwas ganz besonderes. War, weil mit seiner Suspendierung wegen unentschuldigten Fehlens beim MSV Duisburg die Karriere des 34-jährigen Ailton Goncalves da Silva beendet sein dürfte, zumindest was Fußball auf hohem Niveau angeht.

Ailton war in den vergangenen zehn Jahren hier und dort, seine Karriere hat manche Kurve genommen. Dabei war Ailton, der erst als 19-Jähriger mit dem Vereinsfußball begann, auf dem Platz als Geradeausläufer bekannt – allerdings als ein sehr guter. Seine speziellen Qualitäten, den unwiderstehlichen Antritt und die Torgefährlichkeit, durfte er in Deutschland zunächst aber nicht verwirklichen. Von Trainer Wolfgang Sidka 1998 als damals teuerster Einkauf der Vereinsgeschichte für 5,5 Millionen Mark zu Werder Bremen geholt, hatte der meist gut gelaunte Ailton zunächst nichts zu lachen.

Sidka wurde entlassen, und sein Nachfolger Felix Magath setzt den Stürmer auf die Tribüne, weil er nicht austrainiert sei und Defizite in der Laufarbeit sowie im Zweikampfverhalten und der Technik habe. „Wetter mies und Magath nix gut“, sagte Ailton, der als Figur auch wegen seiner radebrechenden Äußerungen große Beliebtheit erlangte. Doch auch wenn er wegen seiner Statements und seiner gedrungenen Figur oft verlacht wurde – sein ehemaliger Mitspieler Andreas Herzog wähnte ihn „in der Eisdiele, als in Brasilien Kombinationsfußball durchgenommen wurde“ –, erspielte sich der Mann mit den vielen Spitznamen großen Respekt. Thomas Schaaf, der schwierige Spieler gut zu integrieren weiß, fand einen Weg, Ailtons Stärken optimal zur Entfaltung zu bringen, auch wenn 80 Minuten auf dem Platz für den lauffaulen Ailton schon eine lange Zeit waren.

Sein Spiel war eindimensional, aber effektiv. Niemand lief öfter ins Abseits, aber wenn die Fahne unten blieb, konnte man das Tor quasi schon verbuchen, bevor der aufs Tor zustürmende Ailton geschossen hatte. Jahr um Jahr erzielte er mehr Tore, in der Saison 2003/04 wurde er mit beeindruckenden 28 Toren Bundesliga-Torschützenkönig. In dieser Saison wurde er mit Werder Meister und Pokalsieger. In die Champions League schaffte er es trotzdem nicht, weil da bereits sein Wechsel zu Schalke 04 feststand – und das bedeutete UI-Cup. Es war nicht das einzige Mal, dass sich Ailton verkalkulierte. 2004 wurde er als erster Ausländer überhaupt zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt, und da er nie in die brasilianische Nationalelf berufen wurde, bot er sich eben der deutschen an.

Bundestrainer Rudi Völler sah keinen Bedarf, und der Weltverband Fifa unterband Ailtons folgendes Ansinnen, für Katar zu spielen. Wohltuend offen hat Ailton immer gesagt, dass Fußball ein Geschäft ist, und seine Strafen für den regelmäßig überzogenen Urlaub auf seiner Pferde- und Rinderfarm gehören zu den Kosten. In Schalke scheiterte der Bremer Publikumsliebling, weil seine Spielweise nicht zum Malocher-Verein passte. Es folgten Istanbul, Hamburg, Belgrad, Zürich und Duisburg und eine Reihe von Disziplinlosigkeiten. In Duisburg schoss er nur noch ein Tor, es war aber ein besonderes. Mit seinem 106. Bundesligatreffer ist er nach Giovane Elber gemeinsam mit Stephane Chapuisat der zweitbeste ausländische Torjäger der Bundesligageschichte. Einen Pokal gab es dafür aber nicht mehr.

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