Sport : Die Tragik des Freiwurfs

Dirk Nowitzki vergibt beim 96:98 in Miami im entscheidenden Moment

Matthias B. Krause[Miami]

Selbst in der letzten Sekunde brauchten die Miami Heat von ihrem jungen Flügelspieler Dwyane Wade noch alles, was er zu geben hatte. Seine Übersicht, seine Sprungkraft – sogar seine Fingerspitzen. Mit denen zirkelte er den Ball aus den Händen des heranfliegenden Flügelspielers Josh Howard von den Dallas Mavericks, der bei der allerletzten Gelegenheit den Ball zum Ausgleich durch den Ring stopfen wollte. Doch Wade überwand seine Müdigkeit, seine Schmerzen: aus, vorbei. 98:96 gewannen die Heat ihren ersten NBA-Final-Auftritt in eigener Halle in der Nacht zum Donnerstag, nachdem sie gut fünf Minuten vor dem Schluss noch mit 13 Punkten zurückgelegen hatten. „Jetzt haben wir wieder eine Serie“, sagte Mavericks deutscher Star Dirk Nowitzki zerknirscht, der 3,3 Sekunden vor Schluss mit einem seiner seltenen Fehlversuche an der Freiwurflinie verpasste, die Partie in die Verlängerung zu schicken. Heat-Coach Pat Riley sagte: „Uns haben heute die Basketballgötter beigestanden.“

Die Götter und ein junger Mann, der in seinen besten Momenten so schwerelos durch die Luft fliegt wie einst Michael Jordan. Der sich von einem, von zwei, von drei Verteidigern nicht aufhalten lässt. 42 Punkte und 13 Rebounds erzielte Wade, der zur Basketballklasse gehört, die 2003 in die NBA kam. Lebron James (Cleveland) und Carmello Anthony (Denver) begannen ihre Profidienste mit hohen Erwartungen, doch Wade, den Riley für Miami auswählte, könnte der Erste von ihnen sein, der einen Meisterring gewinnt. Noch führen die Mavericks 2:1 nach Siegen, aber der Heimerfolg hat den beinahe totgesagten Heat neues Leben eingehaucht. Am Donnerstag und am Sonntag treten die Teams wieder in Florida an, sollte die Best-of-seven-Serie bis dahin nicht entschieden sein, geht sie zurück nach Dallas.

Miami stand mit dem Rücken zur Wand und packte alle Tricks aus, um ein vorentscheidendes 0:3 zu vereiteln. Dazu gehört in der NBA auch die psychologische Kriegsführung in Form von kleinen Filmspots, die den Gegner madig machen. So ließen die Heat ihren Center Shaquille O’Neal als Francis Ford Coppolas „Der Pate“ auftreten. In der Tat brachte er in den ersten fünf Minuten mehr zustande als im gesamten Spiel zwei: acht Punkte. Dass er sogar beide seiner Freiwürfe traf, hätte den Mavericks eine Warnung sein sollen.

In Spiel zwei, als er nur ein Schatten seiner selbst gewesen war und von 12 Freiwürfen gerade zwei traf, flüchtete er in Dallas noch wortlos aus der Halle. Er hätte es damals nicht verdient gehabt zu reden, sagte O’Neal, der nach dem Sieg seine Worte wiederfand. Und seine Kampfeslust. Danach befragt, wie er sich selbst aus dem Loch holte, setzte er zum Schlag gegen seine zahlreichen Kritiker an, die unken, er habe seine besten Zeiten längst hinter sich und sei die vielen Millionen nicht wert, die Miami ihm noch vier Jahre lang zahlen will. Er habe sich alte Filme von seinen High-School-Auftritten angesehen, sagte er, „von damals, als ich die Dinger noch treffen konnte. Aber da war ich auch ein guter Spieler.“ Der Witz gefiel ihm so gut, dass er ihn gleich zweimal brachte.

Am Ende jedoch war es neben Wade eine Mannschaftsleistung, die Miami den Erfolg sicherte. Gary Payton traf seinen einzigen Wurf im ganzen Spiel in den entscheidenden Minuten, O’Neal versenkte zwei weitere Freiwürfe, die Heat beherrschten Dallas unter beiden Körben und stellten im entscheidenden Moment die „dummen Fehler“ (Riley) ab, die Dallas bis dahin im Spiel gehalten hatten. Warum dann Nowitzki, der normalerweise 94 Prozent seiner Freiwürfe verwandelt, 3,3 Sekunden vor dem Ende seinen zweiten Versuch an den hinteren Ring setzte, konnte der sich selbst nicht erklären. „Ich glaube nicht an Götter, normalerweise mache ich den. Ich habe einfach ein bisschen zu hart geworfen.“ Den finalen Kollaps seiner Mannschaft fand er ebenfalls rätselhaft: „Vielleicht haben wir uns einfach ein bisschen entspannt oder gefeiert oder was, ich weiß es auch nicht.“

So mit sich beschäftigt, dass er zunächst gar nicht merkte, dass niemand mehr Fragen hatte, stand er schließlich auf und schlurfte wortlos in die Umkleidekabine. Dort streifte er sich schnell die Kleidung über, die der Dresscode der NBA verlangt, eine schwarze Anzughose, ein hellblaues Hemd. Cuban kam und klopfte ihm tröstend auf den Rücken, Nowitzki reagierte nicht. Stattdessen schnappte er sich seine schwarzen Schuhe und ging barfuß Richtung Teambus, um nicht beim Schnürsenkelbinden durch Reporterfragen genervt zu werden. In dieser Nacht spielte sich vermutlich der immer gleiche Film in seinem Kopf ab. Und der hatte nicht O’Neal und auch nicht Wade als Hauptdarsteller, sondern nur ihn selbst. Als tragischen Helden an der Freiwurflinie.

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