Sport : Die Überschätzten

Beim 1:2 gegen Barcelona zehrt Leverkusen nur kurz vom Ruhm der vergangenen Saison

Erik Eggers

Leverkusen. Ein schmuckloser Auswärtssieg, und sei er auch erzielt beim letztjährigen Champions-League-Finalisten, verschafft der spanischen Fußball-Öffentlichkeit offenbar keine Genugtuung. Die Fragen, denen sich Louis van Gaal, Trainer des ruhmreichen FC Barcelona, in der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg in Leverkusen zu stellen hatte, klangen aggressiv und scharf. Doch auf die mittlere Anklage eines Radioreporters aus Katalonien, ob er sich nicht vertan hätte mit seiner Aufstellung in der ersten Halbzeit, ob, mit anderen Worten, Barça, zunächst ohne Saviola, Riquelme und Overmars, nicht viel zu defensiv in diese erste Partie der Zwischenrunde gegangen sei, reagierte van Gaal souverän und cool. Er habe nun mal eine „typisch deutsche Mannschaft erwartet, die in der ersten Halbzeit viel läuft“, sagte van Gaal, und er dokumentierte damit die hohe Wertschätzung, die Bayer Leverkusen derzeit in der Nomenklatura des europäischen Fußballs genießt. Noch.

Barcelona begegnete Bayer also nicht mit jener Überheblichkeit, mit der es sich in der letzten Saison eine 1:2-Niederlage in der Bayarena abgeholt hatte. Ganz im Gegenteil: Die Spanier erwarteten einen grandiosen Auftritt, ein fehlerloses Spiel der Leverkusener, obwohl das Team von Klaus Toppmöller damit in dieser Spielzeit bislang weder in Europa noch im eigenen Land aufwarten konnte. So lautet das Fazit aus dem Spiel gegen Barcelona: Die Unterschätzten aus Leverkusen sind zu Überschätzten geworden.

„In der vergangenen Saison haben wir über unsere Verhältnisse gespielt, in punkto Engagement, Spritzigkeit und Enthusiasmus - einfach in allem“, sagte ein frustrierter Toppmöller wehmütig. In jenen Tagen passierten vor allem nicht jene spielentscheidenden Fehler wie der vom einst so zuverlässigen Diego Placente, dessen unerklärlich lässig geschlenzter Pass den Ausgleich und die Niederlage eingeleitet hatte. Irgendwie seltsam, dass Toppmöller nach dem Spiel um Verständnis warb für junge Spieler wie Babic, Balitsch oder Berbatow. Denen hatte doch niemand einen Vorwurf gemacht. Verantwortlich für den qualitativen Niedergang waren fast ausschließlich erfahrene Spieler wie Ramelow und Lucio, die sich zum Teil haarsträubende Fehler erlaubten, die vom Gast nur nicht konsequent in Tore umgemünzt wurden. Es war die Summe dieser Fehlleistungen, die das Publikum am Ende ins Raunen brachte, und nicht etwa die Spielkunst der Katalanen.

Rückschläge dieser Art hat die Mannschaft auch im letzten Jahr erlitten, beispielsweise bei der 0:4-Demontage gegen Juventus Turin. Und doch sind die Unterschiede zwischen heute und damals unübersehbar. Seinerzeit hatte Toppmöller, als Juves Trainer Marcello Lippi sich abfällig über die Leistung des Gegners geäußert hatte, angriffslustig auf das Rückspiel in Leverkusen hingewiesen. Von dieser Angriffslust ist nun, da es ihm offenbar an Perspektiven mangelt, wenig übrig geblieben. „Ich hoffe, dass wir den Esprit aus der ersten Halbzeit mitnehmen, uns gut regenerieren und eine gute Einstellung an den Tag legen“, sagte Toppmöller, nachdem er die erste Enttäuschung überwunden hatte. Neuer Schwung wird nötig sein angesichts der momentanen Lage im Alltag Bundesliga. Schließlich sind es bis Platz 16 nur zwei Punkte. Der Leverkusener Niedergang, er könnte bald eine dramatische Fortsetzung erfahren.

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