Sport : Die Vergangenheit ist heute

Frankreichs alte Fußball-Helden treten zum letzten Mal auf – im WM-Finale

Sven Goldmann

Berlin - Noch weiß keiner, wer der Champion ist und wer der Herausforderer, aber der Termin für die WM-Revanche steht schon fest. Am 6. September empfängt Frankreich im Stade de France zu Paris die italienische Mannschaft. Es ist der zweite Spieltag in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich. Es wird eine neue französische Mannschaft sein, die sich der Herausforderung stellt. Die große Generation von 1998 tritt heute Abend in Berlin ab. Die älteste Mannschaft des Turniers stellt sich ihrem letzten Höhepunkt, und Trainer Raymond Domenech behandelt sie so behutsam wie möglich. Schon seit Wochen bestehen die Trainingseinheiten nur noch aus aktiver Regeneration. „Wir werden bereit sein“, verspricht Domenech.

Zinedine Zidane, der größte Fußballspieler, den Frankreich je hatte, macht im Finale definitiv das letzte Spiel seiner Karriere unter Wettbewerbsbedingungen. Allein in der Prominentenmannschaft von Real Madrid will der größte Stratege seiner Epoche noch aushelfen, aber auch nur, wenn er gerade Zeit und Lust hat. Lilian Thuram beendet zumindest seine Laufbahn in der Nationalmannschaft. Einen neuen Verein hat der Verteidiger noch nicht, sein jetziger Arbeitgeber Juventus Turin steht vor dem Zwangsabstieg. Fabien Barthez hütet weiter bei Olympique Marseille das Tor, aber dem Zweikampf mit Gregory Coupet von Olympique Lyon wird er sich wohl nicht mehr stellen. Im Trainingslager war es beinahe zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden gekommen.

Zidane, Thuram und Barthez sind 1998 in Paris gemeinsam Weltmeister geworden. Sie werden fehlen, vor allem Zidane, aber auf dessen Abschied ist die Nation ja seit langem vorbereitet. Von Spiel zu Spiel hat Frankreich mit ihm gebangt, jetzt erhält er in Berlin die Bühne, die seiner würdig ist. Der schmerzhafteste Verlust ist immer der unerwartete, im Falle Frankreichs wird es der von Claude Makelele sein. Beim FC Chelsea ist der kleine Mann aus dem Kongo unverzichtbar, doch in der Nationalmannschaft wollte er schon nach der EM 2004 in Portugal nicht mehr weitermachen. Es heißt, Makelele und Trainer Domenech sind nicht die allerbesten Freunde. Nicht Domenech hatte Makelele um seine Rückkehr gebeten, sondern Patrick Vieira.

Die beiden so unterschiedlichen Männer bilden das beste defensive Mittelfeldpaar dieser WM. Hier der große, elegante Vieira, der häufig mit nach vorne geht, die Bälle verteilt und schon mal ein Tor schießt oder vorbereitet. Da der kleine Makelele, mit 33 Jahren laufstark wie ein 20–Jähriger. In der Spätphase ihres Schaffens hat Frankreichs große, alte Mannschaft entdeckt, wie unangenehm für den Gegner enge Räume sind. Die Organisation dieser Verdichtung ist Makeleles Job.

Domenech hat sich lange gegen eine Reintegration der Alten gesträubt. Er wollte den Neuaufbau nach der missratenen EM in Portugal, und er wollte ihn total. Es hat ihn verletzt, dass es ihm die Franzosen nicht zutrauten, die mäßig angelaufene WM-Qualifikation mit einer verjüngten Elf zu schaffen. Hat er sich für diese Kränkung gerächt, als er Zidane im Vorrundenspiel gegen Südkorea in der Schlussminute vom Platz nahm? Es hätte Zidanes letztes Spiel sein können. Frankreich schaffte ohne den Weltstar die Qualifikation fürs Achtelfinale, aber danach spielte er grandios wie lange nicht mehr. Zidane hatte seine glanzvollen Momente beim 3:1 über Spanien, er überragte beim 1:0 gegen Brasilien und schoss das Tor zum Halbfinalsieg über Portugal. Doch die Basis für den Erfolg wurde weiter hinten erledigt: von Vieira und Makele.

Nach außen hat Domenech seinen Frieden mit den Alten gemacht. Er sagt: „Alte Spieler, die laufen, sind mir lieber als junge, die auf dem Platz schlafen.“ Den Neuaufbau kann er später einleiten: im ersten Spiel der EM-Qualifikationzum Beispiel, am 6. September gegen Italien.

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