Sport : Die verlorene Mitte

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Stefan Hermanns über die mittelstandsfeindliche Bundesliga

Als Fußballer noch Trikots aus Baumwolle trugen, die Bundesregierung in Bonn residierte und Formel 1 noch nicht RTL gehörte, sondern Deutschlands beliebteste Musiksendung war – vor langer Zeit also, gab es in der Bundesliga einen Verein, dessen größte Leistung es Jahr für Jahr war, nicht weiter aufzufallen. Seine Spieler hießen Oswald und Kaczor, Bast und Abel, und ihr Trainer, Rolf Schafstall, so erzählt man sich, soll ein rechter Schleifer gewesen sein. Vom Aufstieg im Jahr 1971 bis zum ersten Abstieg 22 Jahre später hat der VfL Bochum am Ende einer Saison nie besser gestanden als auf Platz acht. Wo Bochum war, war die Mitte, und als der VfL endlich auch mal ein bisschen auffallen wollte, nannte er sich unabsteigbar – und stieg in der nächsten Saison ab.

Wenn damals überhaupt vom VfL die Rede war, dann hat man ihn ein wenig abschätzig als Graue Maus bezeichnet, was er wiederum mit Duisburg, Düsseldorf und Braunschweig gemein hatte, und immer noch besser war, als eine Fahrstuhlmannschaft zu sein (siehe Karlsruhe, Nürnberg, Bielefeld). Dass Bochum jetzt um den Uefa- Cup-Einzug spielt, ist schön für Peter Neururer, aber vor allem Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung in der Fußball-Bundesliga. Ihr ist die Mitte verloren gegangen.

Der Mittelstand hat für die Deutschen eine fast mythische Bedeutung. Er gilt als Stütze der bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft, und vielleicht ist die Krise des deutschen Fußballs im internationalen Vergleich ja gerade damit zu erklären, dass die Bundesliga kein Mittelfeld mehr hat. Schalke als Siebter hofft noch auf einen Uefa-Cup-Platz, Rostock als Neunter ist theoretisch noch nicht vor dem Abstieg gefeit. Das Mittelfeld, im Volksmund: jenseits von Gut und Böse, besteht ausschließlich aus dem HSV. Das Schlimme ist, dass sich das Mittelfeld nicht nach oben verbessert hat, sondern dass es gewissermaßen von der Abstiegszone aufgefressen worden ist. Acht Mannschaften sind in akuter Gefahr, zwei immerhin latent gefährdet. Und wie schlimm es wirklich ist, merkt man schon daran, dass Hertha heute froh wäre, wenigstens Mittelmaß zu sein.

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