Sport : Die wahren Feinde des Fußballs

Ein Plädoyer gegen die sich immer weiter ausbreitende Psychologisierung eines einfachen Spiels

Wolfram Eilenberger

Gerade die einfachsten Fußballfragen treiben einen in den Wahnsinn. So zum Beispiel die Frage: Wann ist eigentlich „vor dem Spiel“? Als aufmerksamer Beobachter jedenfalls wird man das Gefühl nicht los, dieser kritische Zeitpunkt des „vor dem Spiel“ verschiebe sich immer weiter nach vorne. Erschöpfte sich der Begriff „Spielvorbereitung“ früher noch in der vorabendlichen Traineranweisung „nicht mehr als drei Bier und Hände über die Bettdecke“, setzt die spielentscheidende Phase der mentalen Vorbereitung heute bereits mehrere Wochen vor Anpfiff ein – selbstverständlich professionell flankiert von PR-Scharmützeln, kalkulierten Beleidigungen und gezielten Vorbeeinflussungen. Den Vogel in diesen Bereich schoss erwartungsgemäß Jürgen Klinsmann ab, indem er seinem Nationalkader allen Ernstes empfahl, sich bereits jetzt geistig und ganz gezielt mit den WM-Spielen 2006 auseinander zu setzen. 14 Monate proaktives Mentalvorspiel. Wenn das mal gut geht, in der Jungfernnacht!

Im Bann dieser zweifelhaften Psycho-Logik der Vorzeitigkeit stehen allerdings nicht nur modebewusste Trainer und Vereinsverantwortliche, sondern zunehmend auch die seriöse Berichterstattung. Der letzte Monat bildet einen traurigen Höhepunkt dieses Trends. So waren mehrfach Analysen zu lesen, nach denen Rudi Assauers eingeschränktes Geschick als „Spin Doctor“ für Schalkes Niederlage in Mainz verantwortlich sei und ein entscheidendes Manko im Titelkampf bedeuten werde. Europaweit wurden ganze Sportseiten mit Berichten über José Mourinhos Reise nach Israel gefüllt – als ob der amerikanische Präsident höchstpersönlich auf Friedensmission gegangen wäre! Damit nicht genug, in die Berichte eingewoben wurden feinsinnige Spekulationen zu den möglichen Motiven des Meistertrainers sowie natürlich zu der Frage, wie und in welchem Ausmaß sich dieser PR-Tingel wohl auf Chelseas Viertelfinalchancen gegen Bayern auswirken wird.

Die Motivation für diese Mutmaßungspraxis wiederum lieferte Mourinhos eigener Psychoterror der vorauseilenden Einflussnahme. Indem er bereits in der Halbzeitpause des Hinspiels in Barcelona eine abstruse Verschwörungstheorie in die Welt setzte, sorgte er kalkuliert für eine sachfremde Emotionalisierung des Geschehens, von der er sich im Rückspiel vor heimischer Kulisse einen entscheidenden Vorteil erhoffte. Tatsächlich gehörte diese Manipulationstaktik, in deren Verlauf unglücklicherweise der verleumdete Schiedsrichter mit dem Tode bedroht wurde (es gibt eben immer ein paar Fans, die keinen Spaß verstehen), natürlich bereits zur Vorbereitung auf die nun nahende Auseinandersetzung mit Bayern München. Denn nach Mourinhos erfolgter Strafverbannung auf die Tribüne ging die öffentliche Deutungsmaschine bruchlos zur Reflexion über, ob diese Strafe den Bayern wohl eher nutzen oder schaden wird.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass diese Frage in den nächsten Tagen gut zehnmal so viel öffentlichen Analyseraum einnehmen wird wie etwa die Verletzung von Chelseas Stürmerdiamant Arien Robbens. Nicht weniger als prophetische Gaben allerdings bedürfte es, eine objektive Tatsache auszumachen oder gar nennen zu können, anhand derer sich die Triftigkeit dieser Spekulationen im Nachhinein bestätigen oder eben zurückweisen ließe. Sonnenklar ist bei derartigen Psycho-Analysen nämlich nur eines: Zur Erhellung dessen, was konkret zum Zeitpunkt des Spiels auf dem Platz geschieht, dort den eigentlichen Spielverlauf bestimmt und letztlich entscheidet, tragen sie nicht die Bohne bei!

Es war in den vergangenen Wochen viel von den „Feinden des Fußballs“ die Rede. Die medial mittlerweile gehörig gestützte Vorverlegung vom Stadionrasen in die Köpfe sowie eine immer dominantere Logik des PR-Strategentums samt einer wissenschaftlich schlicht haltlosen, da empirisch uneinholbaren Psychologisierung der Spielanalyse sind solche Feinde des Fußballs. Wer sich diesen Diskursen anheim gibt und ihren gewollten Scheinerklärungen folgt, fällt nicht nur auf die Psychotricks anderer herein (die es im Zweifelsfalls besser können), sondern beteiligt sich auch aktiv an einer Verdunkelung des Spielgeschehens und damit einer aggressionsanfälligen Emotionalisierung des Umfeldes.

Es ist aufwändig genug, die Taktik einer Mannschaft wie Bayern oder Chelsea lesen, verstehen und konkret beurteilen zu lernen. Aber am Ende solch eines Aufklärungsprozesses warten Analysen, die sich durch Fakten stützen lassen. Auf die Frage, wann dieses Duell eigentlich beginnt und wo es tatsächlich entschieden wird, gibt es – allen Psychospielchen zum Trotz – nach wie vor nur eine vernünftige Antwort: Mittwochabend, 20.45 Uhr. Nirgendwo anders, keine Sekunde früher. Wahrheit folgt auf dem Platz.

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