Sport : Die Zigarette danach

Dieter Baumann spielt jetzt in Stuttgart Theater – Siegfried Lenz’ „Brot und Spiele“ als Solonummer.

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Rauchzeichen. Wenn es drauf ankommt, hat Baumann noch viel Luft. Foto: promo
Rauchzeichen. Wenn es drauf ankommt, hat Baumann noch viel Luft. Foto: promo

Was ist nur aus Dieter Baumann geworden? Ja, dem Dieter Baumann. Dem Läufer, dem Olympiasieger von 1992, dem Laufpapst, jenem freudvollen, lebendigen Charakter aus dem Südwesten, der keinen Ausweis braucht, um zu zeigen, dass er aus Schwaben kommt. Heute ist er 46 Jahre alt. Die Goldmedaille ist lange her. Triumphe und Erfolge vergangen. Genauso die Geschichte, die ihn wohl für immer begleiten wird. Dieser Verdacht, er habe unerlaubte Mittel eingesetzt, während er seine Unschuld beteuert und dennoch seine Karriere beenden musste.

Es ist ein neuer Dieter Baumann, den wir sehen. Er raucht und trinkt. Aber er raucht schlecht. Schlechter als er spielt. Dafür trinkt er so gut wie er spielt. Man hört es schlürfen und glucksen, wenn die rote Flüssigkeit seine Kehle hinunter rinnt. Und man hört und sieht wie er pafft, das heißt, nicht inhaliert, und die Zigarette fast unbeholfen krampfhaft zwischen seinen Fingern hält.

Ja, Baumann spielt Theater. Ihn dabei zu unterschätzen, wäre genauso verhängnisvoll, wie es zu tun, wenn man ihn in Laufschuhen antrifft. Baumann läuft immer noch. Bei kleinen Rennen, Silvester- oder Charity-Läufen, im Training, in Workshops und Projekten – aber er spielt auch Theater. Dabei läuft er keinem hinterher, flüchtet nicht vor seiner Vergangenheit. Beides wäre im Saal T3 des Theaterhauses in Stuttgart schwer. Baumann spielt alleine auf der Bühne, und die Zuschauer sitzen direkt vor ihm.

Es war seine Idee, den Roman von Siegfried Lenz „Brot und Spiele“ als Solonummer aufzuführen, und das nach nur einem Jahr selbst reflektierender Auftritte als Kabarettist. Vier Wochen lang brauchte er, um eine „Theaterversion zu schreiben“, die sich um den Läufer Bert Buchner dreht, der tragischen Romanfigur, die im Erfolg Freunde und Weggefährten hintergeht und zu spät merkt, dass Ruhm und Ehre im Sport keine Existenz sichern und, „dass man ihm nur zujubelt, solange er siegt“. Die „Flucht eines Mannes vor seiner Vergangenheit“ heißt es im Programm des Theaterhauses.

Nun ist es kein Jubel, der Baumann umbrandet, als er fertig ist und fragt „Wo tragen Sie ihn hin?“. Aber es ist immerhin warmer Beifall, Respekt zollend. Sich alleine mit einem Zwei-Stunden-Programm auf die Bühne zu wagen, verschiedene Rollen zu spielen, Buchner, den Reporter, den Freund, den Erzähler und alle anderen, ist mehr als eine Herausforderung –, es ist ein Risiko.

Um es deutlich zu sagen, Dieter Baumann flüchtet nicht vor seiner Vergangenheit. Sie spielt keine Rolle, obwohl man ihm mehr abnimmt als allen anderen, wenn er vom olympischen Traum Buchners spricht und von Meisterschaften. Es gibt ein „Bravo“, dreimal Vorhang und eine launige Rede des Hauptdarstellers, der von der Tübinger Regisseurin Carola Schwelien begleitet und angeleitet und von Theaterhauschef Werner Schretzmeier unterstützt wurde.

„Das war schwerer als Laufen“, sagt Baumann bei der Premierenfeier. Und, dass er nicht weiß, ob daraus eine lange Karriere als „Schauspieler“ abzuleiten ist, der sagt „kommscht mid“ oder „Sähso“ statt Saison. „Sehen Sie in mir den No-Name Schauspieler, der ich nicht bin, ich bin Läufer.“

Baumann ist authentisch. Er reißt die Augen auf wie damals in Barcelona beim Endspurt und er sagt selbstironisch: „Die letzten 100 Meter vorbei laufen, das kann ja jeder.“ Genau das hat er damals getan bei seinem Goldlauf. Mit Chuzpe und einer fast kindlichen Freude am Lauf-Spiel. In Stuttgart zeigt er, Kunst und Sport liegen gar nicht so weit auseinander. Zu beidem gehört ein Ziel und Leidenschaft. Beides ist Höchstleistung. Beides hat Baumann. Freilich bleibt ein Unterschied. Auf der Bühne darf Baumann paffen und hemmungslos aus einer Rotweinpulle trinken, ohne, dass ihn jemand dafür tadelt.

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