Sport : Die Zukunft ist heute

Italien vergisst den Skandal zu Hause und denkt nur an das WM-Endspiel

Sven Goldmann

Berlin - Am 10. Juni hat Alessandro Del Piero zum ersten Mal einen Vortrag gehalten im Casa Azzurri Germania, wie das Duisburger Wedaustadion für die Zeit der Weltmeisterschaft heißt. Del Piero sah müde aus, beinahe depressiv, er sprach nachdenklich von der furchtbaren Situation seines Vereins Juventus Turin und der Verantwortung, die den Spielern der Nationalmannschaft für ihre Zeit in Deutschland auferlegt sei, „wir müssen hier andere Probleme lösen, als nur Fußballspiele zu gewinnen“. Es stand nicht gut um Alessandro Del Piero und Italien.

Ziemlich genau vier Wochen später hat er sich wieder zu Wort gemeldet, und es war ein anderer Mensch, der da zu den italienischen Reportern sprach. Del Piero machte Scherze, er lachte und plauderte wie zu den Zeiten, als er der beliebteste und beste Spieler Italiens war. Offensichtlich haben sich einige Probleme dadurch lösen lassen, dass die Nationalelf ein paar Fußballspiele gewonnen hat. „Das ist ein Traum“, sagte Del Piero. Sind die Probleme wirklich alle verschwunden – der Manipulationsprozess gegen Juventus und andere, die ethische Krise des italienischen Fußballs, die ungewisse Zukunft? Für einen Augenblick wird Del Piero ernst, aber er verscheucht die Gedanken an daheim. „Die Zukunft ist Sonntag.“ Del Piero weiß nicht, ob er spielen wird im Finale gegen Frankreich. Er hat in der Verlängerung gegen Deutschland ein schönes Tor geschossen, „das war ein Augenblick voller Enthusiasmus“, aber Trainer Marcello Lippi tendiert mehr zum Römer Francesco Totti. Beide zusammen, das funktioniert nicht, Lippi hat es vor der WM versucht. Im Achtelfinale hat Totti, gerade für Del Piero eingewechselt, den Elfmeter zum 1:0 gegen Australien verwandelt. Er zeigte in der Nachspielzeit den Mut, den kein anderer hatte. Das hat Lippi nicht vergessen. Denn ohne dieses Tor gäbe es jetzt vielleicht keine italienische Fußball-Herrlichkeit. Es ist der Angriff ohnehin nicht der entscheidende Teil im italienischen Mannschaftsgefüge. Italiens Erfolge hängen am Defensivverhalten. Und das funktioniert in Deutschland so effektiv wie zu den Zeiten des Catenaccio. Nur sieht es heute viel schöner aus. Dafür steht Fabio Cannavaro.

Der italienische Kapitän spielt für Juventus Turin und ist der beste Innenverteidiger der Welt. Cannavaro spielt nie unfair, beherrscht die Ball-Gegner-Antizipation wie kein Zweiter, nur verlorene Zweikämpfe gehören nicht zu seinem Repertoire. Wie gut er ist, das sieht man an seinem Nebenmann Marco Materazzi, der nach einer Sperre wegen seiner Roten Karte im Australien-Spiel im Halbfinale problemlos zurück ins Spiel fand, souverän von Cannavaro geführt. Es fällt kaum ins Gewicht, dass Cannavaros eigentlicher Partner Alessandro Nesta wegen einer Adduktorenverletzung nicht spielen kann. Fabio Grosso und Gianluca Zambrotta ergänzen auf den Außenpositionen die stärkste Viererkette dieser WM.

Vier Spieler von Juventus werden heute in der Startaufstellung stehen, alle sind sie defensiv geprägt. Neben Cannavaro und Zambrotta sind da noch: Torhüter Buffon, der bei der WM nur von seinem Verteidiger Cristian Zaccardo bezwungen wurde, und Mauro Camoranesi, das Arbeitstier im Mittelfeld. Die gesamte Philosophie des Nationalteams ist eher die von Juventus als etwa die des AC Mailand, der längst so angriffslustig daherkommt wie Arsenal oder Barcelona.

Doch wer wird schon am Tag nach dem Finale noch von einer Juve-Mentalität sprechen? Am Montag endet der Manipulationsprozess, Juventus werden voraussichtlich die letzen beiden Meistertitel aberkannt, es geht hinab in die Zweit- oder Drittklassigkeit. Dann beginnt die Zukunft, an die Alessandro Del Piero jetzt noch nicht denken mag.

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