Sport : Die zwei Geschwindigkeiten

Der HSV plant in aller Ruhe Großes – anders als der heutige Gegner Schalke

Karsten Doneck

Berlin - Johan Cruyff, Fußball-Held der Holländer, wunderte sich. „Was will der denn in Hamburg?“, fragte er verächtlich, als Rafael van der Vaart Ajax Amsterdam verließ, um einen Fünfjahresvertrag beim HSV zu unterzeichnen. Van der Vaart, 22 Jahre jung – das wäre aus Cruyffs Sicht vielleicht einer für Real Madrid, FC Chelsea oder AC Mailand. Aber für den HSV? Nie und nimmer. Van der Vaart konterte: „Ich habe meinen eigenen Kopf. Auch in Hamburg lässt sich sportlich einiges erreichen.“ Beim HSV stehen die Zeichen in der Tat auf Aufbruch, nicht erst seit dieser Saison. „Ich habe keine Lust, mit dem HSV immer nur Mittelmaß zu sein“, hat Thomas Doll schon bald nach Übernahme des Trainerpostens im Oktober 2004 die Richtung vorgegeben.

Die Saison 2003/04 hat den Verantwortlichen beim HSV offenbar die Augen geöffnet, sie zum Umdenken bewegt. 0:6 bei Werder Bremen, 1:5 in Wolfsburg, 0:3 daheim gegen Hannover 96: Achter war die Mannschaft am Ende geworden. 60 Gegentore wie der HSV hatten nicht einmal die drei Absteiger Eintracht Frankfurt, 1860 München und der 1. FC Köln kassiert. Das war zu viel des Schlechten.

Ein Verein wie Schalke 04, der heute im Bundesliga-Spitzenspiel Gast in der ausverkauften AOL-Arena ist, war in ähnlicher Lage in eine Art Kaufrausch verfallen. Als Schalke Ailton, Krstajic und Bordon verpflichtete – zumeist ablösefrei, aber dem Vernehmen nach ausgestattet mit hoch dotierten Verträgen –, wurde heftig diskutiert, ob Manager Rudi Assauer wirklich nur das Wohl des eigenen Klubs im Sinn hatte, oder ob er lieber die Konkurrenten Werder Bremen und VfB Stuttgart schwächen wollte. Zumindest schien sich Assauer in der Spätzeit seines Schaffens mit Gewalt mit dem Gewinn der Meisterschaft ein Denkmal setzen zu wollen.

Bar jeden Verdachts persönlicher Eitelkeiten ging der HSV vor. Wegen der 60 Gegentore gönnte sich der Klub ganz gezielt für 5,8 Millionen Euro eine neue Innenverteidigung: Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz kamen. Für den Angriff wurden Emile Mpenza und Benjamin Lauth verpflichtet. Gesamtinvestition für die vorige Saison: 10,6 Millionen Euro. Der kleine Umbruch brauchte Zeit, der HSV fiel ans Tabellenende. Erst als Doll den erfolglosen Klaus Toppmöller auf der Trainerbank ablöste, kam die Trendwende. In Rostock zum Beispiel, wo der HSV in der Saison zuvor noch 0:3 untergegangen war, gewann die Elf nun 6:0. Der verkorkste Start ließ mehr nicht zu: Der HSV wurde erneut nur Achter. Höchste Zeit, weitere Schwächen zu beheben. Im Mittelfeld fehlte ein Ballverteiler. Also wurde van der Vaart geholt. Und Verteidiger wie Schlicke oder Fukal standen eher für Mittelmaß als für Aufbruch. Mit Timothee Atouba und Guy Demel wurde nachgebessert. Kosten: 7,6 Millionen Euro.

Die Stoßrichtung ist klar. „Wir wollen beim HSV ein Team aufbauen, das international wieder konkurrenzfähig ist. Gerade van der Vaart dokumentiert ja auch unseren Anspruch“, sagt Sportchef Dietmar Beiersdorfer. 22 Pflichtspiele haben die Hamburger in dieser Saison bestritten, dabei erst einmal verloren. Für Euphorie lässt Doll dennoch keinen Raum. „Ich weiß, welchen Weg wir hinter uns haben. Wir stehen ganz am Anfang“, beteuert er.

Die Entwicklung beim HSV findet auch außer Landes Beachtung. Für Profis wie van Buyten, van der Vaart oder Boulahrouz interessieren sich längst auch europäische Spitzenklubs. Der HSV hat vorgebeugt. „Die Spieler haben Verträge bei uns“, betont Beiersdorfer und zeigt wenig Bereitschaft, die derzeitige Elf auseinander brechen zu lassen. Denn, so Beiersdorfer: „Wir haben etwas Großes vor.“

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