Sport : Die zweite Karriere

Nach gut zwei Jahren Pause und der Geburt ihrer Tochter schockt Kim Clijsters die Konkurrenz: Bei den US Open schlägt sie Venus Williams

Anke Myrrhe[New York]

An ihren ersten Tagen in New York kam Kim Clijsters ständig zu spät. Überall musste sie stehen bleiben und Hallo sagen. Küsschen hier, Küsschen da, ein paar Worte wechseln und dann weiter, bis sie dem nächsten alten Bekannten über den Weg lief . Es scheint niemanden zu geben, der sich nicht über die Rückkehr der Belgierin freut. So langsam jedoch sollten vor allem ihre potenziellen Gegnerinnen diese Freude hinterfragen. Denn Kim Clijsters hat im Achtelfinale der US Open endgültig gezeigt, dass sie nach zwei Jahren Pause den Tennisschläger nicht nur wieder rausgekramt hat, um ein paar alte Freunde zu treffen: Sie schlug die an Nummer drei gesetzte Venus Williams 6:0, 0:6 und 6:4.

Nach nur 28 Minuten hatte Clijsters den ersten Satz gewonnen, nach weiteren 22 den zweiten ohne Spielgewinn verloren. „Nach dem zweiten Satz habe ich mir gesagt: So, jetzt musst du um jeden einzelnen Ball kämpfen“, erzählte die Belgierin. Nach 102 Minuten machte sie den unerwarteten Erfolg mit einem harten Aufschlag perfekt, den Venus Williams nicht zurückbringen konnte.

Die US-Amerikanerin kämpfte mit einer Knieverletzung und hatte bereits in der ersten Runde ihre Probleme gehabt. Trotzdem besiegte sich die ältere der Williams-Schwestern nicht etwa selbst. Das tat schon die Belgierin auf der anderen Seite des Netzes. „Sie sieht aus, als hätte sie eine Woche Urlaub vom Tennis genommen“, kommentierte Venus’ jüngere Schwester Serena die Spielweise von Kim Clijsters. Doch die Auszeit war wesentlich länger. Nach zahlreichen Verletzungen und getrieben von dem Wunsch, ein Kind zu bekommen, hatte die Belgierin im Mai 2007 im Alter von 23 Jahren ihren Rücktritt erklärt. „Ich habe es niemals bereut oder infrage gestellt“, sagt die Mutter einer eineinhalbjährigen Tochter. „Ich habe es nicht einmal vermisst, bis ich wieder angefangen habe.“ Die Lust kam, als sie Anfang des Jahres zu einem Showmatch zur Eröffnung des neuen Centre Courts in Wimbledon eingeladen wurde und begann, sich dafür in Form zu bringen. Im März entschied sich Clijsters für ein Comeback, das sie selbst lieber als „zweite Karriere“ bezeichnet.

„Ich bin in so guter körperlicher Verfassung wie noch nie“, sagte sie. Dies liege vor allem daran, dass sie Zeit gehabt habe, acht Monate lang ihren Körper gezielt aufzubauen. „Dazu hat man während der laufenden Turniere einfach nicht die Zeit.“ Mit Fitness allein ist ihr schneller Erfolg jedoch nicht zu erklären. Das Achtelfinale gegen Venus Williams war erst ihr elftes Match der Karriere Nummer zwei. Weil sie noch keine drei Turniere gespielt hat, wird ihr Name erst nach den US Open erstmals wieder in der Weltrangliste auftauchen. Sie wird auf jeden Fall unter den besten 80 Spielerinnen sein. Sie würde sogar direkt unter den Top 20 einsortiert, sollte sie das Turnier gewinnen wie bei ihrem bislang letzten Auftritt in New York 2005. Clijsters könnte also quasi mit vier Jahren Verspätung ihren US-Open-Titel verteidigen.

Dass diese Vorstellung inzwischen gar nicht mehr so unmöglich erscheint, liegt nicht nur daran, dass sechs der zehn topgesetzten Spielerinnen bereits ausgeschieden sind und dafür fünf ungesetzte das Achtelfinale erreicht haben. Es liegt auch daran, dass Kim Clijsters vieles von dem mitbringt, was im Frauentennis derzeit vermisst wird. Als die Belgierin sich zu Beginn des Jahres wieder intensiver mit Tennis beschäftigte, fiel ihr eins besonders auf: „Sie spielen alle irgendwie ähnlich, alle sehr aggressiv.“ Clijsters zeichnete vor allem aus, dass sie immer auch einen Plan B hatte, wenn die Kontrolle über die langen harten Bälle nicht kommen wollte. „Viele der jungen Mädchen scheinen das heute nicht zu haben“, sagt sie.

Perfekt funktioniert das alte abwechslungsreiche Spiel der Kim Clijsters noch nicht. Gegen Venus Williams war vieles auch der Inkonstanz der Gegnerin geschuldet. Umso erstaunlicher ist es, dass die 26-jährige Clijsters es scheinbar problemlos schafft, direkt in die Weltspitze einzusteigen. Damit lässt sie freilich Zweifel am Niveau der dort platzierten Spielerinnen aufkommen.

Im heimischen Arthur-Ashe-Stadium wurde Venus Williams beinahe zur Außenseiterin, so frenetisch wurde ihre Gegnerin gefeiert. „Sie spielt super“, konnte Venus Williams nur anerkennend zugeben. „Sie hat ihre gesamte Karriere gut gespielt, und ich bin sicher, dass sie so weitermachen wird.“ Die zweite Karriere hat ja gerade erst begonnen.

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