Diego Maradona : So wahr, dass es wehtut

Trotz Drogenexzessen und Gewichtsproblemen: Diego Maradona ist den Argentiniern heilig – als Trainer des Nationalteams wollen sie ihn trotzdem nicht.

Sven Goldmann
Maradona
Diego Mardona. -Foto: dpa

Osvaldo Ardiles, der großartige argentinische Fußballspieler der späten siebziger Jahre, hat einmal über Diego Maradona gesagt: „Das Problem an der Wahrheit über ihn ist, dass sie wehtut.“

Es spricht für die Argentinier, dass sie sich dieser Wahrheit stellen. In einer Blitzumfrage der seriösen Zeitung „Clarin“ haben sich in der Nacht zu Mittwoch 73,8 Prozent aller 72 000 Teilnehmer gegen das Undenkbare ausgesprochen. Nicht gegen den Anschluss an Chile, Uruguay oder Brasilien. Sondern dagegen, dass Diego Maradona am Donnerstag tatsächlich Trainer der Nationalmannschaft wird.

73,8 Prozent. Wer einmal erlebt hat, wie sehr die Argentinier den einst besten Fußballspieler der Welt verehren, der wird den Wert dieses Plebiszits nicht hoch genug einstufen. Auf den Fußballspieler Maradona und seine Verdienste lassen sie nichts kommen, aber von allen für die Gegenwart und Zukunft der Nation relevanten Angelegenheiten möge er doch bitte die Füße lassen. Die Nationalmannschaft ist den Argentiniern zu wichtig, als dass sie der Slapstick-Idee eines greisen Verbandsbürokraten geopfert werden darf. Julio Grondona, 77 Jahre jung, drei Zentner schwer und seit knapp 30 Jahren Präsident des argentinischen Fußball-Verbandes, hat Maradona das wichtigste Amt des Landes angetragen, und natürlich hat er angenommen. Warum wird er nicht gleich Staatspräsident? Die Wirtschaft ist eh vor die Hunde gegangen und die Politik seit Generationen das Spielfeld korrupter Clans.

Zu den wenigen guten Nachrichten, die es in den vergangenen Jahren um Diego Maradona gegeben hat, zählt die, dass er seit einer Entziehungskur bei seinem väterlichen Freund Fidel Castro nicht mehr kokst. Dafür säuft er so viel, dass sein Leibesumfang trotz einer Magenverkleinerung dem seines Paten Grondona schon wieder bedrohlich nahe kommt. Als Maradona vor einer Woche zu einem Benefizspiel in Georgien weilte, ließ die argentinische Delegation aus seinem Hotelzimmer diskret die Minibar entfernen.

Auch die Wahrheit über den Trainer Maradona tut weh. Ein paar Klubs von minderer sportlicher Bedeutung hat er zielsicher ins Chaos geführt, und bei seinem Heimatklub Boca Juniors sind sie für jeden Tag dankbar, an dem er nicht das Traineramt für sich reklamiert. Das Nationalteam soll er nun gemeinsam mit Carlos Bilardo führen. Schon diese Konstellation. Die beiden gewannen zwar 1986 in Mexiko gemeinsam die Weltmeisterschaft, können sich aber nicht ausstehen, seit Bilardo 1993 den späten Maradona beim FC Sevilla vor die Tür komplimentierte. Na, das kann noch lustig werden.

Der Akademiker Bilardo steht für Sicherheitsfußball unansehnlichster Sorte, Maradona für offensive Romantik. Der Spieler Maradona war ein Genie, aber einen Strategen Maradona hat es nie gegeben. Sein taktisches System reduzierte sich auf: Maradona mit dem Kopf, Maradona mit dem Fuß und, natürlich, Maradona mit der Hand. Sein erklärter Lieblingsspieler ist der kleine Lionel Messi, in dem er eine Art Wiedergeburt sieht. Wahrscheinlich würde der Trainer Maradona am liebsten mit zehn Messis spielen und einem Sergio Aguero – das aber auch nur, weil es sich dabei um seinen Schwiegersohn handelt. Sven Goldmann

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