Sport : Diesseits der Schwarzwaldstraße

Oliver Trust

An der Schwarzwaldstraße herrscht Aufregung. Die Parkplätze sind rar. Ein paar Autos gibt es in der Radfahrer- und Öko-Stadt Freiburg doch. Schlimm wird das Ganze, wenn das Freibad neben dem Dreisamstadion im Sommer aufmacht. "Ein paar Leute machen sich schon Sorgen", sagt Andreas Rettig, der Manager des SC Freiburg. Sorgen auch darüber, ob die wenigen Parkplätze bei schönem Wetter reichen, wenn der SC Freiburg spielt. In der zweiten Liga wäre das alles halb so schlimm. Weniger Leute, weniger Aufregung - aber eben auch kein Erstligafußball mehr.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Die großen Bayern würden ohne Zögern woanders hinfahren. Über ganz Deutschland aber, stellt Rettig fest, seien die Leute verteilt, die sich Sorgen machen. Gerade jetzt, da aufgeblähte Etats vieler Klubs ins Wanken geraten, weil der Medienunternehmer Leo Kirch in Schwierigkeiten steckt, wird wieder herausgekehrt, dass sie tief im Südwesten der Republik etwas anders sind. Weniger Geld, weniger aufgeregt (nur bei Parkplätzen), und trotzdem spielen sie guten Fußball.

Freiburg steht für viele als Hort des Guten. Das zeigen viele Briefe, Anrufe und Faxe. Ob nun ein verklärter Blick oder Wehmut dahinter stecken, Rettig spricht aus, was klingt wie ein bleischweres Geständnis. "Es wäre arrogant, wenn wir nicht für die Zweite Liga planen und ernsthaft darüber nachdenken würden." So eine Aussage gilt fast als Anstiftung zur Panik, weil sich vieles, was mit Abstiegskampf und Freiburg zu tun hat, nach unendlicher Geschichte und einer Portion Trotz anhört. "Statt gemeinsam eine Stunde lang die Tabelle zu beweinen" (Trainer Volker Finke), erzählen sie, dass es fast immer eng war. Angst vor dem Abstieg, "das gehört bei uns dazu", sagt Verteidiger Oumar Konde. Trotzdem sei es ein gutes Zeichen, wenn "bei uns keiner am Gittertor rüttelt", sagt Rettig. "Es zeigt, wir kommen ohne aggressive Stimmung aus."

Eine Mischung aus guter Hoffnung und leidvoller Erfahrung. Nur 1995 und 2001, als die Außenseiter im Uefa-Cup landeten, lernten sie das unbeschwerte Gefühl der Sicherheit für ein paar Monate kennen. "Jetzt kann es sein, dass Platz sechs im vergangenen Jahr einige Spieler sorglos gemacht hat" (Rettig). Er führt die lange verletzten Manndecker, den Afrika-Cup, für den sie viele Spieler abstellen mussten und das Theater um Sebastian Kehl als Gründe an, die das sensible Gebilde aus der Balance brachten.

Andreas Rettig zieht nur die Schultern hoch und bemüht wie der 53-jährige Finke die Statistik, wenn es um Kehl und die Vorwürfe geht, sie hätten den 22 Jahre alten Nationalspieler besser behalten. "Wir haben diese wenigen Punkte mit Kehl gewonnen. Dafür gab es über Wochen Wechselgerüchte, das hat den ganzen Verein verrückt gemacht", sagt Rettig. Gerade das sei nicht die Finkes Art. "Jetzt bin ich noch mehr mehr ein Fan von ihm als zuvor", sagt Rettig mit einem Anflug von Pathos in der Stimme. Wie Finke, ohne sich von außen beeinflussen zu lassen, mit der Situation umgehe, beeindrucke ihn. "Er ist unangreifbar, weil wir nichts verstecken, wir sind gläsern, auch jetzt." Pfeift da jemand fröhliche Lieder gegen die Angst? "Nein, bei uns gibt es in diesen Tagen business as usual", beteuert Rettig. "Ich bin jetzt vier Jahre hier, es hat immer geklappt, warum nicht auch jetzt?"

Zumindest für Finke (seit elf Jahren im Verein) und Rettig wären Auswege da. Der Rheinländer Rettig träume von einer Rückkehr, schrieb der "Express" in Köln. Dort soll er den todkranken Patienten 1. FC behandeln. Und Rettig ("Der kleine Calmund") suche als Ziehsohn von Leverkusens Manager Reiner Calmund eine neue Herausforderung.

Rettig dementiert. Weder er noch Finke seien amtsmüde. Köln sei sehr interessant, aber er könne in der jetzigen Situation des SC Freiburg keine Liebeserklärung für den FC abgeben. "Auf Späßchen bin ich im Augenblick wirklich nicht eingestellt." Denn jetzt kommt Tabellenführer Leverkusen. "Wir haben am Wochenende alle Hände voll zu tun, sind hoffentlich erfolgreich und lassen drei Teams hinter uns. Ich glaube daran".

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