Sport : DLV-Präsidium dürfte heute für zweijährige Dopingsperre plädieren

Ernst Podeswa

"Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu beweisen, dass ich unschuldig bin." Dies hat Dieter Baumann getan: Noch nie hat ein des Dopings Verdächtigter in Deutschland so die Medien gesucht, um sich und sein Problem darzustellen. Mit Interviews im Fernsehen und in Printmedien. Ob das genutzt hat, wird sich heute in Darmstadt erweisen. Denn da berät das elfköpfige Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), ob es dem DLV-Rechtsausschuss eine zweijährige Sperre empfiehlt. Nach allem, was bekannt ist, dürfte der DLV nicht umhin kommen, dies für den 34-jährigen Olympiasieger von 1992 zu beantragen. Das bestätigte gestern DLV-Präsident Helmut Digel, nachdem eine zweite präparierte Zahnpastatube aus dem Jahre 1998 gefunden worden war. Es sei denn, Baumanns Anwalt Michael Lehner gelingt es wie angekündigt, "eine lückenlose Indizienkette für den Beweis der Unschuld" seines Mandanten vorzulegen.

Begonnen hatte alles mit zwei Trainingskontrollen Baumanns am 19. Oktober und 15. November. Beide A-Proben, die erste im IOC-Dopinglabor Kreischa, die zweite in Köln, ergeben rund das Zehnfache des erlaubten Wertes von 2,0 Nanogramm des Anabolikums Nandrolon. Während der Anhörung des Läufers vor der Antidoping-Kommission des DLV am 17. November wird auf eine dritte Urinprobe genommen. Negativ. Zwei Tage später gibt der Tübinger den Sachverhalt bekannt, beteuert seine Unschuld und wird vom DLV vorläufig suspendiert. Beide B-Proben Ende Dezember bestätigen die vorherigen Ergebnisse.

A-Probe, Anhörung, B-Probe, Präsidium, Rechtsausschuss, Sperre - dies bildete bisher das Koordinatensystem im Antidopingkampf. Und wenn gesperrte Sportlerinnen wie Marathonläuferin Uta Pippig oder Weitspringerin Susen Tiedtke versicherten, sie hätten niemals Dopingmittel zu sich genommen, dann wurde ihnen auch seitens des DLV wenig Glauben geschenkt.

Bei Baumann sind die Reaktionen jedoch völlig anders. Von Digel über Baumanns Arzt Hans-Hermann Dickhuth, Kölns Laborleiter Wilhelm Schänzer, dem Antidopingstreiter Werner Franke bis hin zum Tübinger Pfarrer Johannes Kiefer - keiner kann sich vorstellen, vom Profi mit dem Saubermann-Image, der sich stets vehement gegen Doping gewandt hat, getäuscht worden zu sein.

Baumann hat anfangs eine Komplotttheorie ausgeschlossen: Es könne eine körpereigene Überproduktion gewesen sein - wie bei Fußballern oder Sportlerinnen. Es beginnt eine fieberhafte Suche nach verseuchten Lebensmitteln. Vergeblich. Dann, bei der zweiten Hausdurchsuchung, nimmt Schänzer auch die Zahnpasta unter die Lupe und wird fündig. Sie ist mit Nandrolon präpariert. Baumann erstattet Anzeige gegen Unbekannt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ob die Tube im Haus, im Trainingslager in St. Moritz oder sonstwo manipuliert wurde. Vorübergehend geraten die Berliner Läufer Kallabis und Franke unter Verdacht. Baumann setzt eine Belohnung von 100 000 DM aus für Hinweise zur Ergreifung des großen Unbekannten. Dann kommt die Version, die Hürden-Altmeister Martin Lauer in einer Glosse vorhergesehen hatte: Ein DDR-Trainer habe sein Wissen genutzt, um sich zu rächen. Die Quelle ist ein anonymer Brief an die Ermittlungsbehörden, wie der "Spiegel" berichtet. Alles nicht relevant, wehrt der Jurist und DLV-Vizepräsident Clemens Prokop ab. So sucht Anwalt Lehner einen juristischen Ansatz, um das gesamte Antidoping-Koordinatensystem auszuhebeln. Der Marburger Juraprofessor Dieter Rössner fordert, die Unschuldsvermutung des Strafrechts auch bei Dopingverfahren anzuwenden. Falsch, sagt sein Kollege Ulrich Haas, Vorsitzender der Antidoping-Kommission (ADK), es gelten das Zivilrecht und die verbandseigenen Regeln, wonach der Dopingbefund nach dem verbindlichen IAAF-Reglement zwingend zu Sanktionen führt. Andernfalls sei der Antidopingkampf am Ende. Davon unbeeindruckt, kündigt Lehner im Falle einer Sperre dem DLV eine Schadenersatzklage in Millionenhöhe an.Das Thema Baumann/Doping im Internet: www.meinberlin.de/forum im Kanal Sport

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