Sport : Doping: Die Politik handelt

Robert Ide

Birgit Boese war gerade mal elf Jahre alt, als ihre Trainerin sie ins Büro ihrer Sportschule bat. Auf dem Holztisch lagen Tabletten, am Rand stand ein kleiner Cocktail. "Nimm das und frag nicht", forderte die Trainerin. Birgit Boese, eine schlanke, ambitionierte Leichtathletin, wollte nicht zehn Strafrunden à 400 Meter rennen. Und nachdem ihr die Trainerin versichert hatte, in der Kapsel seien nur Mineralien und Vitamine, schluckte sie das Zeug. Das war 1974. Elf Jahre später musste Birgit Boese feststellen, dass sie keine Kinder bekommen kann.

Die Geschichte des ostdeutschen Staatsdopings ist eine Leidensgeschichte der Opfer. Bis zu 10 000 DDR-Sportler sollen durch das Dopingsystem geschleust worden sein, etwa 1000 tragen nach Meinung von Wissenschaftlern bleibende Schäden davon. Bis heute gibt es für sie keine Entschädigung. Um endlich Abhilfe zu schaffen, hörte der Sportausschuss des Bundestages am Mittwoch 15 Experten zum DDR-Doping an. Darunter Birgit Boese, 39 Jahre, aus Berlin.

Nach der vierstündigen Anhörung waren die Politiker fast einhelliger Meinung: Ein Hilfsfonds für die Opfer muss her. "Es gibt eine moralische Verpflichtung des Staates, den Opfern zu helfen", sagte die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag nach der Sitzung, "ich gehe davon aus, dass wir uns über die Hilfe verständigen werden." Bisher hatten vor allem Union und Grüne eine angemessene Hilfe gefordert. Klaus Zöllig vom Verein Doping-Opfer-Hilfe bezifferte die bisher bekannte Opferzahl auf 240. Für die Betroffenen sprach sich Boese gegen einmalige Entschädigungen aus: "Wegen der Langzeitfolgen brauchen wir eine Rentenversicherung."

Über die Finanzierung eines Fonds gibt es bislang keine Einigkeit. Die SPD denkt über einen Leertitel im Haushalt nach, der erst nachträglich mit Geld bestückt werden soll. Nach Informationen des Tagesspiegel wird aber in Koalitionskreisen versucht, bereits in den Haushaltsverhandlungen konkrete Summen locker zu machen, die später aufgestockt werden könnten. Die Rede ist von einem einstelligen Millionenbetrag. Kritik der Politik mussten sich die Sportverbände gefallen lassen. Der Deutsche Sportbund hatte einer Betreuung von Dopingopfern zugestimmt, eine Beteiligung an Finanzhilfen aber abgelehnt. Der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Heiner Henze, sagte bei der Anhörung, die Leistung des Sports könne "nicht vorrangig in Geld bestehen". Zusätzlich angegriffen wurde das Komitee wegen der Affäre um NOK-Mitglied Harold Tünnemann, der zu DDR-Zeiten eine Doping-Richtlinie unterschrieben hat. Der Potsdamer Sporthistoriker Giselher Spitzer bezeichnete Tünnemann im Bundestag als "führenden Doping-Täter" und forderte seinen Rücktritt.

Eines zeigte die Anhörung deutlich: Die Sensibilität für die DDR-Dopingopfer ist gewachsen. Der grüne Abgeordnete Winfried Hermann gestand am Ende ein: "Sport und Politik haben das Thema zu lange ignoriert."

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