Doping in der Bundesrepublik : Jetzt gerät auch der Profifußball ins Visier

Die Dopingaufarbeitung in der Bundesrepublik erreicht den Fußball: Der VfB Stuttgart und der SC Freiburg sollen von Professor Armin Klümper Anabolika bekommen haben.

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Hält die Mauer? Der VfB Stuttgart der späten siebziger und frühen achtziger Jahre steht unter Verdacht.
Hält die Mauer? Der VfB Stuttgart der späten siebziger und frühen achtziger Jahre steht unter Verdacht.Foto: Imago

Berlin - Es wird Schlagzeilen geben. Weil die Nachrichten aus Freiburg ein Tabu anrühren. Südwestdeutsche Dopinghistoriker haben in Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Freiburg aus den achtziger Jahren recherchiert, dass auch Fußballer des SC Freiburg und des VfB Stuttgart Anabolika bekommen haben. Professor Armin Klümper, eine der dubiosesten Figuren der bundesdeutschen Sportmedizin, soll in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern prominenten Profis sportrechtlich verbotene Steroide wie Megagrisevit verabreicht haben.

Megagrisevit – dieses Präparat wurde 1987 schlagartig berühmt, weil Klümper damit auch die Siebenkämpferin Birgit Dressel behandelt hatte. Dressel starb damals, weil sie unfassbare Mengen an verbotenen Substanzen und Medikamenten in sich hineingestopft hatte – es war der spektakulärste Dopingskandal in Westdeutschland, der Ruf Klümpers als sportmedizinischer Guru war danach zerstört. Und auch das Image vom ach so sauberen Sport Marke Bundesrepublik.

Aber das war ja die Leichtathletik. Da ließ sich behaupten, Einzelne seien vom Weg abgekommen. Im Mannschaftssport Fußball braucht es dagegen ein System, weil viele Akteure im Spiel sind – wie im Radsport, der im Untersuchungsbericht auch eine Rolle spielt. Genau diese Systematik will das Kommissionsmitglied Andreas Singler erkannt haben. Es sei, sagt er, jetzt aufgrund der 60 Klümper-Akten der Nachweis möglich, „dass Doping in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs nur der individuellen Verantwortung einzelner Sportler überstellt war, sondern dass es über einzelne Sportverbände oder Sportvereine mitunter zentral organisiert und finanziert wurde“.

Es werden nun in den Agenturberichten auch prominente Profis jener Ära genannt, VfB-Profis aus der Meistermannschaft von 1984. Auch der aktuelle Bundestrainer Joachim Löw ist darunter, weil er in beiden Klubs sein Geld verdiente. Aber hier ist wirklich Vorsicht angebracht. Zumal die Kommission in ihrem Zwischenbericht betont, „dass eine Zuordnung von Medikationen an einzelne, konkret zu benennende Spieler nach Auswertung der Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nicht möglich ist“. Und es ist zu bedenken, dass Klümper damals Betrug vorgeworfen wurde: Alle Quellen müssen vor diesem Hintergrund besonders intensiv geprüft werden. Beide Vereine erklärten bereits, da ihnen der Bericht nicht vorliege, könnten sie ihn auch nicht kommentieren. Der SC Freiburg will die Aufklärungsarbeit der Freiburger Untersuchungskommission jedoch „komplett unterstützen und alles dafür tun, damit die Vorgänge der damaligen Zeit aufgeklärt werden können“. Jürgen Sundermann, von 1976 bis 1979 und noch einmal von 1980 bis 1982 Trainer des VfB erklärte: „Ich kann nur eins sagen: Zu meiner Zeit beim VfB Stuttgart ist nichts passiert. Das ist hundertprozentig.“ Für ihn sei das „ der größte Schwachsinn des Jahrhunderts“.

Man wird warten müssen, bis der Sonderbericht publiziert wird. Klar ist, dass die Strukturen des deutschen Profifußballs zwischen 1977 und 1989 Verstöße gegen das Dopingverbot geradezu provozierten.  Bis zum Enthüllungsbuch „Anpfiff“ des Nationalkeepers Toni Schumacher 1987 verweigerte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) radikal den „Rahmenrichtlinien zur Bekämpfung des Dopings“, die der Deutsche Sportbund 1977 beschlossen hatte. „Hier werden gravierende Vorwürfe geäußert, die selbstverständlich umfänglich aufgeklärt werden müssen“, sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch als Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des Verbandes.

Anabole Steroide, seit 1974 auf der Verbotsliste des Internationalen Olympischen Komitees, wurden seit 1977 auch in der Bundesrepublik sportrechtlich sanktioniert – nur nicht im Fußball. Dopingkontrollen seien bei Amateuren wie bei Profis nicht erforderlich, „da nach meinen Erfahrungen von den Spielern Dopingmittel nicht genommen werden“ – dies hatte Heinrich Heß, der Arzt der Nationalmannschaft, 1976 erklärt.

Und als es bei den deutschen Sportverbänden 1979 um Verfahrensfragen ging, erklärte der DFB-Generalsekretär Hans Paßlack in einem internen Schreiben: „Die Rahmenrichtlinien des Deutschen Sportbundes zur Bekämpfung des Dopings sind keine Vorschriften mit rechtsverbindlicher Wirkung für die Spitzenfachverbände und ihre Vereine.“ Erst aufgrund des großen Drucks, den Schumachers Buch entfachte, entschloss sich der DFB zu ersten Kontrollen.

Dabei gab es zahlreiche Hinweise, dass Fußballprofis unerlaubte Substanzen nutzten. So erklärte 1978 Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der damals neue Vereinsarzt beim FC Bayern München, er wisse, „dass in der Bundesliga hin und wieder gedopt wird“. Das betraf in den Siebzigern jedoch vor allem Aufputschmittel, also Amphetamine. Es gab damals eine Mannschaft, die bei Insidern als „Captagon-Elf“ bezeichnet wurde, nach dem gebräuchlichsten Aufputschmittel dieser Ära. Die Mentalität, alle Möglichkeiten der Leistungssteigerung nutzen zu wollen, war also weit verbreitet. Insofern sind die Anabolika-Vorwürfe für diese Zeit nicht überraschend. Erik Eggers

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