Doping-Experte über Pechstein : "Es gab erhöhte Werte, die nicht ins normale Raster passen"

Fritz Sörgel, wissenschaftlicher Experte im Kampf gegen Doping, über den Fall Pechstein und die Entlastungsversuche der Eisschnellläuferin.

Herr Sörgel, die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein ist aufgrund auffälliger Blutwerte, genau gesagt: erhöhter Retikulozyten-Werte, ohne positive Dopingprobe für zwei Jahre gesperrt worden. Pechstein weist alle Dopingvorwürfe zurück und begründet die hohe Zahl von jungen Blutkörperchen, mit einem genetischen Defekt oder einer Krankheit. Welche Krankheit käme in Frage?


Es gibt zwar eine Krankheit, die sich Reticulozytose nennt, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass sie darunter leidet. Sie hat bis jetzt auch keine Daten vorgelegt, die auf diese Krankheit hinweisen.

Sie solle in der Anhörung vor der Disziplinarkommission des Eislauf-Weltverbands ISU auch gesagt haben, es liege an einem Infekt, an einer Grippe oder einem Nasenspray.

Das sind natürlich die üblichen Argumente, die man benützt werden, wenn man beschuldigt wird. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Infekt so einen Einfluss hat, wenn sie zugleich wettkampffähig ist. Ich habe Probleme, das als Erklärung zu akzeptieren.

Professor Kiesewetter, Experte an der Berliner Klinik Charite, sagte gestern bei einer Pressekonferenz, die von Claudia Pechstein einberufen wurde, mit Retikulozyten-Werten könne man gar kein Blutdoping nachweisen.

Das ist leider komplett falsch. Denn ich kann sowohl ein Blut- als auch ein Epo-Doping ganz klar differenzieren. Man muss sich nur mal frühere Dopingfälle, im Radsport zum Beispiel, anschauen. Da kann man Eigenblutdoping, die entsprechenden Hämoglobin- und Retikulozytenwerte, genau analysieren. Wir haben in unserem Labor sehr viele Epo-Studien vorgenommen, wir wissen schon sehr genau, wie sich Retikulozyten verhalten.

Wie verhalten die sich denn bei einem Normalsterblichen, der nicht unter Dopingverdacht steht?

Da schwanken die Werte nicht ganz unerheblich, das ist schon richtig. Aber man darf nicht vergessen, dass es bei Frau Pechstein erhöhte Werte gab, die nicht ins normale Raster passen. Daran kommt man einfach nicht vorbei.

Claudia Pechstein hatte bei der Weltmeisterschaft 2009 drei Tage in Folge Werte um 3,4 Prozent. Der Grenzwert liegt bei 2,4 Prozent. Elf Tage später war der Wert auf 1,37 Prozent gesunken. Sind das noch normale Ausreißer?

Da fällt es schon schwer, eine normale Erklärung zu finden, zumal der Wert dann ja so plötzlich wieder abfällt. Da macht man sich natürlich seine Gedanken.

Und welche Gedanken machen Sie sich?

Wenn zu einem Wettkampf die Werte so erhöht sind  und wenn man die Physiologie des Blutes und des Epo kennt, dann kommt automatisch der Gedanke, ob da wirklich alles richtig läuft. 

10 der 14 auffälligen Werte, die über dem Grenzwert lagen, wurden bei einem Weltcup oder bei einer Weltmeisterschaft gemessen. Zu viel des Zufalls?

Ja, das könnte man so sagen.

Professor Kiesewetter sagt allerdings, die gemessenen Werte seien für eine Frau völlig normal.

Wenn ich unsere und die Literaturwerte nehme, dann kann ich diese Aussage nicht bestätigen. Es gibt Normal- und Grenzwerte, und die gibt es, um genau solche Fälle zu differenzieren.

Ein Vorwurf von Claudia Pechstein und ihres Teams lautet, einige Proben seien in Labors analysiert worden, die gar nicht akkreditiert sind. Muss man deshalb die Werte per se anzweifeln?

In Industrieländern ist jedes Labor, das sich das notwendige Gerät leisten kann, auch einer Qualitätskontrolle unterworfen. Manchmal ist es sogar sehr gut, dass man ein Labor vor Ort nimmt, weil es dann keine Veränderungen der Probe durch den Transport geben kann. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, dass man so ein Labor benützt. Aber natürlich muss ein Weltverband ein Labor, das er sich aussucht, vorher inspizieren.

Bei 14 Proben besteht der Verdacht, dass sie vertauscht worden sind, weil sie unterschiedliche Codes tragen. Mit dem Code wird der Name des Athleten anonymisiert. Für Professor Kiesewetter ist das Vertauschen ein Skandal. Bedeutet das nun, dass die ganze Messreihe in Frage gestellt ist?

In Laboren kommt das leider öfter vor. Beim Prozess vor dem Welt-Sportgerichtshof Cas wird dieser Punkt, denke ich, sehr genau geprüft. Für mich  ist es ein ganz wesentlicher Punkt, dass sorgfältig geklärt wird, wie das passieren konnte. Wenn man so eine Veränderung vornimmt,  muss man das in Anwesenheit eines Zeugen machen. Ich kann nur hoffen, dass es so gelaufen ist, wie es in einem vernünftigen Labor abläuft. Und dann ist auch eine Codeänderung kein Problem. Aber Sie haben Recht, eine gewisse Unsicherheit bleibt.

Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass überhaupt so etwas passiert?

Kein Labor ist perfekt.

Aber hier geht’s um die grundsätzliche Glaubwürdigkeit in einem mutmaßlichen Dopingfall. Die Merkwürdigkeit gehen ja noch weiter. Eine Blutprobe von Claudia Pechstein wurde von zwei Labors untersucht. Ergebnis: zwei völlig unterschiedliche Werte. Die Differenz betrug sagenhafte 81 Prozent.

Das ist wirklich unangenehm. Aber trotzdem glaube ich nicht, dass man deshalb die gesamte Messreihe in Frage stellen muss. Aber es ist wirklich keine angenehme Situation. Für mich ist das schon überraschend, dass so etwas passiert. Möglicherweise gab es in diesem Fall aber auch ein Transportproblem. Vielleicht wurde die Probe nicht kühl genug gelagert.

Aber es kann doch sein, dass zum Beispiel die im Februar gemessenen Ausreißer in Wirklichkeit gar keine waren. Dass die Werte auf einem Messfehler basieren.

Na gut, es waren drei Werte, die klar über dem Grenzwert lagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass drei Werte in Folge falsch gemessen wurden, ist sehr gering. Das wäre so, als würden drei Flugzeuge einer Airline an drei Tagen hintereinander abstürzen.

Sie haben live im Aktuellen Sportstudio dem Studiogast Pechstein erklärt, dass sie kaum Chancen hat, ihre Unschuld mit Hilfe einer Krankheit zu beweisen. Die Athletin erklärte nun gestern, fünf Minuten nach der Sendung hätten Sie ihr Urteil revidiert. Stimmt das?

Nein, natürlich nicht. Ich habe ihr gesagt, es wäre gut gewesen, wenn sie mir Daten, die ich nach der Sendung erhalten habe, schon vor unserem Auftritt gegeben hätte. Dann hätte ich in der Sendung darauf eingehen können. Das heißt aber nicht, dass ich von meiner Einschätzung abgegangen bin. Eine genetische Erkrankung schließe ich bis heute aus. Es gibt ja auch keine Daten, die auf diesen Punkt schließen lassen.

Der Schweizer Pierre-Edouard Sottas, Statistiker des Dopinglabors in Lausanne, hat in 10 000 Blutproben nur acht Sportler mit Blutkrankheit gefunden, und nur einer hatte ein ähnliches Profil wie Claudia Pechstein. Ist Sottas’ Methode schlecht oder ist Pechstein damit überführt?

Das muss man im Prozess herausarbeiten. Es muss ein statistisches Gegengutachten von einem zweiten Statistiker erstellt werden. Jeder Experte hat ja seine eigene Messmethode. Aber wenn beide Wissenschaftler zum gleichen Ergebnis kommen, dann hat Pechstein keine Chance. Und noch eines ist wichtig: Statistiker berücksichtigen in ihrem Modellen immer auch Messfehler von Geräten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Sottas das nicht gemacht hat, dazu ist er viel zu sehr Profi.

Sie schlagen ja eine mindestens zweiwöchige Quarantäne von Claudia Pechstein vor, um zu beweisen, ob sie schuldig oder unschuldig ist. Claudia Pechstein hat grundsätzlich ihre Bereitschaft dazu erklärt. Was soll das bringen?

Dann kann man sehen, ob auch unter diesen Bedingungen die Retikulozytenwerte nach oben schnellen. Wenn sie oben bleiben, wäre sie entlastet, und damit könnte man auch das Gutachten der Statistiker unter Umständen entkräften. Allerdings müssten die gleichen Regeln gelten wie bei einer Dopingprobe. Das heißt, komplette Überwachung rund um die Uhr. 

Bei der WM 2004 hatte Claudia Pechstein einen Hämoglobinwert von 16,5, drei Tage später ist der auf 13,8 gefallen. Wie ist das zu erklären?

Ich kann’s mir nicht erklären, jedenfalls nicht physiologisch. Der Hämoglobinwert fällt bei einem gesunden Menschen nicht so abrupt ab. Das gibt es einfach nicht.

Da liegt der Verdacht nahe, dass nachgeholfen würde.

 Es muss eine größere Menge Blut abgezapft worden sein, außerdem müsste sie erheblich Wasser getrunken haben. Durch Trinken allein kann man diesen Abfall nicht erreichen.

Wozu zapft man Blut ab?

Damit kann man dem Körper rote Blutkörperchen  und Hämoglobin entziehen. Damit überschreitet man die Grenzwerte nicht mehr.

Dient so etwas auch zum Verschleiern von Blut- und Epodoping?

Ja.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

Fritz Sörgel, 58, ist Leiter des Instituts für pharmazeutische Forschung in Nürnberg.  

 


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