Doping : Tod auf dem Rad

Betrug gehörte seit den Anfängen zum Radsport – eine Geschichte des Lügens und der Opfer.

Mathias Klappenbach
Radsporthitorie
Tour der Leiden: Victor Fontan muss 1930 sein Rad ein Stück schleppen. -Foto: AFP

Berlin - Tom Simpson hatte immer zwei Koffer dabei, wenn er mit dem Radzirkus herumreiste. Einen für seine Klamotten und einen für seine Dopingsubstanzen und Regenerationsmittel. „Wenn mich zehn davon umbringen, gib mir neun“ – das ist der Spruch, der von dem Mann überliefert ist, der am 13. Juli 1967 am legendären Mont Ventoux vollgepumpt mit Amphetaminen spektakulär vom Rad fiel. Ein paar Stunden später stand fest, dass neun gereicht hatten. Simpson war tot. Die Tour de France trauerte. Kurz. Denn wirklich überrascht war niemand. Da hatte eben wieder einer Pech gehabt. An seinem Gedenkstein liegen heute statt Kränzen Trinkflaschen. Die aufkommende Debatte über Doping wurde schnell wieder leiser. Wozu infrage stellen, was seit 100 Jahren gut funktioniert.

Gedopt wird seit 1860, als sich so etwas wie organisierter Radsport entwickelte. Und seit diesen Tagen ist der Radsport auch ein Experimentierfeld für Mediziner, die die Wirkung neuer Substanzen am lebenden Objekt erproben möchten. Die Fahrer nehmen alles, was die Leistung steigert. Kokain und Morphium gehören schnell dazu, Ende des 19. Jahrhunderts sind Fertigmischungen aus Alkohol, Kaffee, Kokain, Strychnin, Morphium, Nikotin, Opium, Äther und anderen Stoffen zu kaufen. Neben Ärzten spielten schon damals die Pfleger eine wichtige Rolle, die beste Mischung der medizinischen Laien machte den besten Pfleger. Eine Tour- Etappe geht schon einmal 500 Kilometer, längere Rennen über mehr als 1000. Auf Fahrrädern, mit denen man heute kaum bis zur Kneipe an der Ecke kommen würde. Und ein Sechstagerennen ging wirklich sechs Tage und Nächte, einen zweiten Fahrer als Ablösung gab es auch nicht. Nicht selten mussten aufgedrehte Fahrer nach dem Ziel von der Bahn geholt werden, weil sie einfach nicht aufhören wollten, in die Pedale zu treten.

Stolz präsentierte so mancher Fahrer seine Mittel, kritisiert wurde er dafür nicht. Kokain und Heroin waren um die Jahrhundertwende und in den zwanziger Jahren Modedrogen. Das war in einer Zeit vorbehaltlosen Fortschrittglaubens, von Kurz- oder gar Langzeitfolgen, die wohl für mehrere Dutzend Tote verantwortlich sind, war nicht die Rede. Stattdessen experimentierten nun auch Wissenschaftler mit herum. Ultraviolette Strahlen, das im Ersten Weltkrieg bei Soldaten mit Erfolg angewandte Phosphat oder Champagner: Getestet wurde alles. Erst um 1930 gab es eine Dopingdiskussion. Was stärkt natürliche Prozesse, was ist unfairer Vorteil? „Da bei den Profisportlern der Schwerpunkt nicht im sportlichen, sondern im sozial-beruflichen Erfolg liegt, lasse sich Doping in deren Fall durchaus verteidigen, nur im Amateursport sei künstliche Leistungssteigerung in jedem Fall zu verbieten“, stellt der Deutsche Sportärztebund 1927 fest und formulierte damit die Haltung, die bis heute im Profiradsport herrscht.

„Wir sind Professionals, keine Sportler“, sagte die deutsche Radsportlegende Rudi Altig, die den Spitznamen „Rollende Apotheke“ trägt. Oder in Frankreich „Heiliger Rudi“ – ein Gegensatz ist das nicht. Das Einzige, was sich mit der Zeit ändert, sind die Mittel. Ab 1950 dominieren Amphetamine als Aufputschmittel, Anabolika werden zu einem akzeptierten Mittel, der Einfluss der Sportärzte wächst. Es gibt jetzt aber auch Mediziner, die aufklären, erste Verbote werden erlassen und Kontrollen eingeführt. Daran, dass nahezu jeder etwas nimmt, ändert das nichts. Der fünfmalige Tour-Sieger Jacques Anquetil und Ercole Baldini schließen vor einem Zeitfahren einen Pakt, sie wollen wissen, wer sauber schneller ist. Am Ende sind sie 1,5 km/h langsamer als sonst und als die anderen, so etwas wollen sie nie wieder machen.

Sich unrechtmäßig einen Vorteil zu verschaffen, wird seit dem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg gesellschaftlich geächtet. 1966 gibt es bei der Tour unangemeldete Kontrollen, auf die die überraschten Fahrer mit einem Streik reagieren. Es beginnt das Rennen zwischen Kontrolleuren und Fahrern, die immer voraus sein werden. Auch dank ihrer Ärzte, von denen aktuell einige sagen, dass sie durch die Zusammenarbeit mit den Fahrern und ihre Aufsicht nur Schlimmeres verhindern wollten. Denn bis zum Aufkommen des Blutdopingmittels Epo Ende der Achtziger dominieren weiter die „Zaubertränke“ der Pfleger, hinzu kommen Designerdrogen wie Ecstasy. Jan Ullrich wird wegen einer solchen Pille 2002 für ein halbes Jahr gesperrt.

Da lag der größte Skandal vor der „Operacion Puerto“, die Festina-Affäre, schon vier Jahre zurück. Auch da hatten die Fahrer nach erfolgreichen Razzien bei der Tour gestreikt, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten. Ein sauberer Radsport erscheint den Beteiligten absurd. So bleibt er, wie er immer war. Auch Festina ist eine Fußnote gewesen.

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