Leichtathletik-WM : Sprinten gegen den Weltrekord

Nur nicht zu schnell sein: Eine Bestmarke im WM-Duell über 100 Meter würde Dopinggerüchte schüren.

Friedhard Teuffel

OsakaAsafa Powell und Tyson Gay rennen heute auf ein kleines Unglück zu. Das Unglück wäre der Weltrekord im größten Spektakel der Leichtathletik, den 100 Metern (15.20 Uhr, live in der ARD). Einen Weltrekord auf dieser Strecke könnte die Sportart bei ihren Weltmeisterschaften in Osaka am wenigsten gebrauchen. Er würde nur die Zweifel schüren, ob alles mit rechten Dingen zugeht. So faszinierend der Rekord sein mag, der Sprint ist ein ziemlich krummes Gewerbe. Rekordhalter Asafa Powell musste sich zwar noch nicht gegen schärfere Betrugsvorwürfe wehren. Aber hinter ihm steht eine ganze Ahnenreihe von überführten Dopern: Ben Johnson, Carl Lewis, Tim Montgomery und zuletzt Justin Gatlin, mit dem er sich den Rekord kurz teilen musste. Bis Gatlins Testosteronbefund aus dem Dopinglabor kam. Nun heißt Powells großer Gegner Tyson Gay.

Der Amerikaner will seinem Konkurrenten aus Jamaika unbedingt die Berufsbezeichnung „Schnellster Mann der Welt“ abnehmen und schneller laufen als Powells bestehende Bestzeit von 9,77 Sekunden. Aber eigentlich sollte den beiden etwas anderes wichtiger sein: die Weltmeisterschaft. Bisher haben beide schließlich noch keinen großen Titel gewonnen. Vor allem Powell gab auf den größten Bühnen der Leichtathletik bislang nicht die glücklichste Figur ab. Bei der WM 2003 in Paris wurde ihm ein Fehlstart im Zwischenlauf zum Verhängnis, zur WM 2005 in Helsinki schaffte er es wegen einer Leistenzerrung nicht, und bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 wurde er Fünfter. Tyson Gay, wie Powell 24 Jahre alt, gewann in Helsinki Bronze, in diesem Jahr war keiner schneller als er, 9,84 Sekunden, und einmal hat er den Weltrekord sogar schon unterboten. Nur dass er bei seinem Lauf in 9,76 Sekunden zu viel Wind im Rücken hatte, der Rekord zählte nicht.

Das Duell zwischen Powell und Gay könnte der Höhepunkt dieser WM werden, auch weil aus der internationalen Leichtathletik im Moment eigentlich so gut wie keine Athleten herausragen. Und manchmal reichern die Gerüchte um mögliches Doping sogar die Neugier auf die Sprinter an. Sie geben den Muskelmännern die Note des Verruchten. Noch gilt gerade Powell jedoch als anständiger Kerl. Wie könnte man ihm auch Betrug zutrauen? Seine Mutter und sein Vater sind Pastoren. Als er noch nicht so viel durch die Stadien der Welt gelaufen ist, ging er regelmäßig zu seinen Eltern in den Gottesdienst und spielte in der Gospel-Band Bass. Er hat eine zurückhaltende Art. „Sei weise und achte darauf, auf dem richtigen Weg zu bleiben“, hat ihm sein Vater geraten, und seine Mutter hat gesagt: „Guck dir an, was bei Justin Gatlin passiert ist, mit einem Schlag ist alles vorbei.“ Powell selbst sagt: „Schon meine Religion verbietet mir Doping.“

Wenn da nur nicht sein Trainer Charlie Francis wäre, der sich in der Öffentlichkeit kaum zeigt und nicht mitmacht, wenn Powell öffentlich gegen das Doping redet. Tyson Gay hat dagegen zurzeit nur eine eingeschränkte Betreuung. Sein Trainer Lance Brauman sitzt im Gefängnis. Die Haftstrafe von einem Jahr endet im November, er hatte Studenten auf illegalem Weg zu Stipendien verholfen. Daher muss er Gay seine Trainingstipps per Telefon übermitteln.

Powell und Gay laufen fast gleich schnell, doch mit seiner etwas größeren und schlankeren Figur bewegt sich Powell geschmeidiger, Gay wirkt etwas bulliger. Was an ihnen so besonders ist, dass gerade sie schneller sind als alle anderen auf der Welt, das können sie nicht so genau erklären. Talent? Training? Technik? Auch dieser Erklärungsnotstand, wer warum wie schnell laufen kann, ist wohl Teil des Problems.

Für die schwierige Lage der Leichtathletik insgesamt hat Powell jedoch ein gutes Gespür entwickelt: „Die Leute kommen hauptsächlich zur Leichtathletik, um Weltrekorde zu sehen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“, „sie sollten noch etwas anderes sehen wollen als Weltrekorde. Wir müssen die Leichtathletik zu einem besseren Sport machen, damit die Leute auch wegen der großartigen Leistungen der Athleten kommen.“ Den Amerikaner Gay hindert das dennoch nicht daran, eifrig über seine Zeitpläne zu reden: „Immer wenn ich laufe, bin ich auf Weltrekord aus.“ In Osaka hat sein Vorhaben erst einmal mit einer kleinen Niederlage begonnen. Im ersten Vorlauf kam er nur als Zweiter ins Ziel, sehr zur Freude der Zuschauer. Denn vor ihm überquerte der Japaner Nobuharo Asahara die Linie. Trotzdem sprach Gay schon einmal von einem anderen Weltrekord. „Das ist wirklich die schnellste Bahn, auf der ich je gelaufen bin.“ Der Boden ist also bereitet.

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