Dopingverdacht : Sünder zur rechten Zeit

Radprofi Franco Pellizotti geriet vor der Tour 2009 unter Dopingverdacht – und wird erst jetzt gesperrt. Wie bei Claudia Pechstein wird das Verfahren angezweifelt.

Tom Mustroph
In Schieflage. Bergwertungssieger Pellizotti war womöglich bei der Tour gedopt.
In Schieflage. Bergwertungssieger Pellizotti war womöglich bei der Tour gedopt.Foto: dpa

Berlin - Man kann sich bald das Datum im Kalender vorher anstreichen, an dem prominente Radprofis aussortiert werden. Naht ein großes Rennen, wird das Peloton durchgesiebt. Zwei Wochen vor der Tour de France 2009 war das so, als der Radsport-Weltverband UCI fünf Radprofis aufgrund verdächtiger Werte in ihrem Blutpass aus dem Wettkampfbetrieb nahm. Das Quintett um den früheren Weltmeister und späteren Milram-Fahrer Igor Astarloa und den Ex-Gerolsteiner-Fahrer Francesco De Bonis waren die ersten Radprofis, die nicht wegen einer positiven Dopingprobe, sondern wegen ihrer Werte beim Blutmonitoring gesperrt wurden. Nun steht wenige Tage vor Beginn des Giro d’ Italia erneut ein Trio im Mittelpunkt: Franco Pellizotti, Jesus Rosendo Prado und Tadej Valjavec werden allein wegen der Variation ihres Blutbildes Manipulationen vorgeworfen. Sie bestreiten, gedopt zu haben.

In Franco Pellizotti ist auch der Sieger der Bergwertung der letzten Tour de France und Zweitplatzierte des Giro d’ Italia 2009 dabei. Beim Giro war der Italiener übrigens für den wegen Dopings disqualifizierten Danilo Di Luca um einen Platz aufgerückt. Er lag unmittelbar hinter dem mit dem Blutdopinglabor Humanplasma in Verbindung gebrachten, aber weiterhin nicht sanktionierten Sieger Denis Mentschow.

Pellizottis verdächtige Werte stammen nach Angaben der „Gazetta dello Sport“ aus dem Vorfeld der Tour de France 2009. Warum der immer gut aufgelegte Fahrer mit den blonden Locken und dem lustigen Bärtchen, das womöglich das Wachsen des Kinns zu kaschieren suchte, dennoch an der Frankreichrundfahrt teilnehmen durfte und dort sowohl das Bergtrikot als auch die Wertung des aktivsten Fahrers gewinnen konnte, ist derzeit ungeklärt. Die UCI machte keine Angaben zur Dauer ihres Untersuchungsverfahrens.

Laut der „Gazzetta dello Sport“ wurde Pellizotti Anfang März 2010 von der UCI zu den verdächtigen Werten befragt. Die UCI schenkte seiner Erklärung, diese Werte seien durch Höhentraining verändert, aber offensichtlich keinen Glauben. Der 32-Jährige ist derzeit suspendiert. „Es handelt sich um eine vorsorgliche Suspendierung, aber noch nicht um eine Sanktion“, sagte der Präsident des italienischen Radsportverbands, Renato Di Rocco, „jetzt muss Franco Pellizotti diese Unregelmäßigkeiten in seinem Blutpass erklären. Er wird nicht am Giro d’ Italia teilnehmen."

Team Liquigas bezieht eine andere Position. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheinen die vorgelegten Beweise nicht mit Gewissheit ein unsportliches Verhalten des Athleten zu zeigen“, heißt es auf der Webseite des Rennstalls. Liquigas hat den Teamarzt Roberto Corsetti mit der Verteidigung von Pellizotti beauftragt. Der Rennstall will sich zudem „juristisch gegen jede Beschädigung des eigenen Images zur Wehr zu setzen, sei es gegenüber dem Athleten, sei es gegenüber den Institutionen, die diesen Schaden verursacht haben“. Dieser Kampfgeist gegenüber den Dopingexperten der UCI ist ein neuer Ton.

Seit der dubiosen, teilweise mit Hackerangriffen auf das französische Labor durchgeführten Kampagne von Floyd Landis hatten sich die ertappten Sünder in ihr Schicksal gefügt. Doch wie bei der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wird offenbar auch im Radsport der Wert des indirekten Beweises angezweifelt.

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