Sport : Drei Schanzen, vier Springen

Die Absage des Wettbewerbs in Innsbruck entfacht neue Diskussionen um die Bedingungen

Benedikt Voigt[Innsbruck]

Es ist nicht so, als ob am Freitagmittag an der Innsbrucker Bergisel-Schanze nicht gesprungen worden wäre. Um kurz vor 13 Uhr kletterten drei Zuschauer über eine Absperrung am Fuße des Aufsprunghangs, ließen sich in den Schnee fallen und rutschen in der Maikäfertechnik rücklings den Hang hinunter. Ein Ordner versuchte die Verfolgung aufzunehmen, ließ sie aber gewähren. Die Rückenrodler konnten niemanden gefährden, mit ernstzunehmenden Skispringern war zu diesem Zeitpunkt auf der Bergisel-Schanze ohnehin nicht mehr zu rechnen.

Zum ersten Mal in der 55-jährigen Geschichte der Vierschanzentournee ist das Springen in Innsbruck abgesagt worden. „Der Wind war zu stark“, sagte Walter Hofer, Renndirektor des Internationalen Skiverbandes, „die Entscheidung der Jury war einstimmig und glasklar.“ Das dritte Springen wird nun am Samstag (16 Uhr, live in der ARD) in Bischofshofen nachgeholt, am Sonntag folgt das vierte Springen am gleichen Ort. Damit wird die Vierschanzentournee in diesem Winter zu einer Dreischanzentournee.

Der veranstaltende Österreichische Skiverband (ÖSV) ist zwar gegen den Ausfall versichert, doch die Enttäuschung der 21 000 Zuschauer im ausverkauften Bergisel-Stadion kann damit nicht aufgewogen werden. Die heimischen Fans, die auf einen erneuten Erfolg der beiden österreichischen Tourneeführenden Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern gehofft hatten, strömten zur Mittagszeit bereits wieder den Berg Isel hinunter. Sie erhielten ihr Eintrittsgeld zurück. „Das Herz tut mir weh“, sagte Österreichs Sportdirektor Toni Innauer, „es ist, als ob Weihnachten für die Kinder abgesagt worden wäre.“

Die Absage kurbelte die Diskussion um Windsegel und ein abendliches Springen unter Flutlicht erneut an. „Das Gute an den Ereignissen ist, dass jetzt klar ist, dass wir etwas tun müssen“, sagte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. Nicht zum ersten Mal hat der Föhnwind den Skispringern in Innsbruck Schwierigkeiten bereitet. Seit ein Teil des Waldes am Sprungturm wegen Borkenkäferbefalls abgeholzt werden musste, hat der Wind noch mehr Platz zur Entfaltung. „Jetzt kommt er von unten, und es gibt noch mehr Turbulenzen“, sagte Schröcksnadel, „das müssen wir jetzt ganz genau studieren.“ Beim Neubau der Schanze hatte sein Verband noch auf Windsegel verzichtet, die von einem slowenischen Hersteller für zirka 30 000 Euro angeboten werden. „Das tut jetzt richtig weh“, glaubte der ARD-Skisprungexperte Dieter Thoma. Allerdings können die Segel, die um den Sprungturm herum aufgestellt werden müssten, nur bei geringen Windgeschwindigkeiten für gleichbleibende Bedingungen sorgen. „Gegen einen orkanartigen Wind wie heute kannst du nichts machen“, sagte Schröcksnadel. Die Wetterstation auf dem nahe gelegenen Patscherkofel hatte am Freitag Böen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern gemeldet.

Zudem diskutiert der österreichische Skiverband wieder einmal ein Flutlichtspringen. Nach Sonnenuntergang sollen in Innsbruck normalerweise die widrigen Winde nachlassen. Für die Fernsehanstalten hätte ein Abendtermin auch den Vorteil, mehr Zuschauer erreichen zu können. „Ein Termin am Abend garantiert ein volles Haus“, sagte Peter Schröcksnadel, „aber das müssen wir noch mit den Fernsehanstalten diskutieren.“ Unklar ist vor allem, wer die Kosten für eine zirka 300 000 Euro teure Flutlichtanlage übernehmen soll. Zudem hat sich bereits eine Anwohnerinitiative dagegen ausgesprochen.

Doch es gibt auch Gewinner der Absage. Neben Bischofshofen, das gestern gute Bedingungen meldete und nun zwei Springen ausrichten darf, zählt auch die ARD dazu. Die Fernsehanstalt kann das dritte Springen an einem Samstag senden, was ihr mehr Fernsehzuschauer bescheren dürfte. Und auch Hermann Spendler nimmt den Ausfalls des Springens langmütig hin. Der Skisprungfan trägt die Farbkombination Rot-Weiß-Rot auf der Stirn und wankt die Serpentinen am Berg Isel hinab. Gleichzeitig versucht er per Handy seine verloren gegangenen Freunde zu erreichen. Zweieinhalb Stunden hat seine Anreise aus Oberösterreich gedauert, trotzdem sagt er: „Die Absage ist nicht schlimm, jetzt mache ich mir halt in Innsbruck einen schönen Tag.“ Der Schriftzug auf seiner Mütze weißt ihn als „Glühwein-Kampftrinker“ aus. Womit auch klar ist, wie so ein schöner Tag ohne Skispringen aussehen dürfte.

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