Sport : Dribbeln verboten

Herthas Spieler Josip Simunic rettet sich in positive Gedanken

Michael Rosentritt

Berlin. Ihm lief ein wenig die Nase. Ein Taschentuch hatte er schon deswegen nicht dabei, weil er direkt vom Trainingsplatz kam. Wäre ja noch schöner, wenn ein 1,95-m- Hüne mit Taschentuch auf den Fußballplatz ginge. Josip Simunic, der technisch starke Innenverteidiger von Hertha BSC, ist äußerlich ein ziemlicher Kanten, wie man im Fußballjargon zu sagen pflegt. In seinem Inneren sieht es ein wenig anders aus.

Vielleicht versucht er deshalb oft brenzlige Situationen nicht mit der Brechstange, sondern spielerisch zu lösen. Aber genau das war ihm am Sonntag bei der bösen 2:4-Niederlage in Kaiserslautern zum Vorwurf gemacht worden. Statt den Ball „auf die Tribüne“ (Manager Hoeneß) zu schlagen, setzte Simunic im eigenen Strafraum zum Dribbling an. Er blieb hängen, und Lautern glich aus zum 2:2. Es war der Anfang von Herthas Niedergang auf dem Betzenberg. Und Josip Simunic wurde öffentlich kritisiert.

„Ich habe ein sehr positives Gespräch mit dem Trainer gehabt“, sagt der 25-jährige kroatische Nationalspieler. Ihm seien in Kaiserslautern einige Fehler unterlaufen, „das tut mir sehr, sehr leid. Aber im Moment haben viele von uns einen schlechten Lauf.“ Die Folge: Hertha steckt in einer sportlichen Krise. Bis zu den Abstiegsrängen ist es nur ein Punkt. 25 Gegentore kassierte der Berliner Bundesligist bisher, nicht mal die noch schlechter platzierten Mannschaften aus Mönchengladbach, Frankfurt und Köln haben so viele Treffer hinnehmen müssen. Obwohl in Herthas Defensive inklusive des Torwartes fast ausschließlich Nationalspieler stehen, wird vor allem dieser Mannschaftsteil als Schwachstelle angesehen. „Ich kenne diese Diskussion“, sagt Simunic. „Jedes Mal sind wir hinten schuld. Das kotzt mich langsam an. Jeder Spieler auf dem Platz hat auch defensive Aufgaben mitzuerfüllen.“ Im modernen Fußball fange das Verteidigen im eigenen Sturm an.

Herthas Spieler sind verunsichert. „Das sieht jeder. Wir haben einfach zu wenig Punkte, das ist unser Problem“, sagt Simunic. „Wenn wir mal zwei Spiele hintereinander gewinnen, dann kommt die Sicherheit zurück. Gegen Schalke fangen wir am Sonntag damit an.“

Die Abwehr war mal Herthas Prunkstück. In der vergangenen Rückrunde etwa. Mittendrin stand Josip Simunic, der alle 17 Spiele bestritt. Seit zwei Jahren weist ihn die Statistik als einen der zweikampfstärksten Defensivspieler der ganzen Liga aus. Auch deshalb verlängerte der Verein im Dezember 2001 das Arbeitsverhältnis mit dem Kroaten bis 2006. „Ich verstehe, dass die Fans enttäuscht sind. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir das verkraften und da unten wieder rauskommen“, sagt Simunic. Negative Gedanken verdrängt er. „Die sind nicht gut. Ich versuche positiv zu denken. Oder soll ich etwa in Tränen ausbrechen?“

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