Sport : Duell mit sich selbst

Haile Gebrselassie muss nach Sammy Korirs Ausstieg allein laufen und verpasst den Weltrekord

Frank Bachner

Berlin - Er sog sie noch auf, die ganzen Rufe, aber sie nützten nichts mehr. „Haile, Haile“ schrien die Leute am Straßenrand. Sie wedelten mit gelben, schlangenförmigen Luftballons, ein paar bliesen in Trillerpfeifen. Sie hofften, dass der kleine Mann mit der Startnummer drei noch einen Schlussspurt hinlegen könnte, das Ziel war ja nur noch 200, 300 Meter entfernt. Sie hofften, dass er doch noch den Weltrekord laufen würde, den er sich so sehr wünscht. Aber Haile Gebrselassie konnte keine zusätzlichen Kräfte mehr mobilisieren, er lief schon seit einiger Zeit im harten Schmerzbereich. „Die letzten fünf Kilometer taten wirklich weh, ich konnte mich nicht mehr steigern“, sagte Gebrselassie später, nachdem er im Ziel wieder zu Kräften gekommen war und eine rote Decke seine schmalen Schultern bedeckte. 61 Sekunden hatten gefehlt zum Marathon-Weltrekord von Paul Tergat. Haile Gebrselassie aus Addis Abeba, Äthiopien, riss nach 2:05:56 Stunden das Zielband durch, als erster äthiopischer Sieger beim Berlin-Marathon. Das war Weltjahres-Bestzeit, das war Landesrekord, aber es war kein Weltrekord.

Auf jeden Fall war es eine ausgezeichnete Leistung. 2:05:56 Stunden sind die siebtbeste Marathonzeit, die jemals gelaufen wurde. Nur vier Leute waren schneller. Es war eine ausgezeichnete Zeit, weil der Wind aus verschiedenen Richtungen wehte und ziemlich stark war und weil Gebrselassie ab Kilometer 28 allein lief. Als Tergat vor drei Jahren in Berlin seinen Weltrekord aufstellte, da lief er bis zum Ziel mit seinem Landsmann Sammy Korir. Diesmal lag Gebrselassie fast fünf Minuten vor dem Zweiten, seinem Landsmann Gudisa Shentema (2:10:43).

Eigentlich sollte Korir ihn zu einem Schlussspurt treiben und vielleicht zu einem Weltrekord. Korir, der 2003 hinter Tergat die zweitschnellste Zeit erreicht hatte, die jemals im Marathon gelaufen worden ist. Aber Korir, der selber den Weltrekord anpeilte, stieg aus. Nach rund 25 Kilometern konnte er nicht mehr, erste Diagnose: Muskelzerrung. Er hatte schon bei Kilometer 19 den Kontakt zu Gebrselassie verloren.

Damit hatte der Marathon sein größtes Duell verloren, aber nicht seinen Reiz. Denn Gebrselassie verschärfte das Tempo, er war fixiert auf den Weltrekord. Er steckte es weg, dass seine persönlichen Tempomacher versagten (siehe nebenstehenden Bericht). Bei Kilometer 20 war er schon 14 Sekunden schneller gewesen als Tergat bei seinem Weltrekord, bei Kilometer 25 lag er schon 23 Sekunden unter Tergats Durchgangszeit. Kurz darauf betrug der virtuelle Vorsprung schon 28 Sekunden, und das deutete auf eine Endzeit unter 2:04 Stunden hin – Weltrekord. Dass Korir nicht mehr dabei war, registrierte er eher nebenbei. „Bei allem Respekt vor Sammy, aber wenn man sich auf eine schnelle Zeit konzentriert, dann achtet man nur auf sich, dann kümmert man sich nicht um einen Gegner.“ Zumindest nicht, wenn der frühzeitig nur 50 Meter hinter einem herläuft.

Aber er hätte diesen starken Gegner gebraucht, dann hätte er nicht allein laufen müssen. „Dann hätte ich vielleicht eine bessere Zeit erreicht“, sagte Gebrselassie. Doch so war er allein mit sich und dem Wind. Zwei Probleme, die ihn jetzt bremsten. „Der Wind wehte aus allen Richtungen, ab Kilometer 35 wurde das Ganze wirklich schwierig“, sagte der 33-Jährige. Meter für Meter wurde er langsamer, immer geringer wurde der virtuelleVorsprung, bei Kilometer 39 hatte er zwölf Sekunden Rückstand. Damit war klar, dass er den Weltrekord nicht holen würde. „Trotzdem, ich bin zufrieden. Vor allem die Atmosphäre war fantastisch“, sagte der Äthiopier. Außerdem hat er noch 80 000 Euro Sieg- und Zeitprämien kassiert, zusätzlich zu seinem sechsstelligen Antrittsgeld natürlich.

Es geht jetzt nach diesem Sieg um seinen Stellenwert im Marathon. Sind 2:05:56 Stunden überzeugend? Heben sie ihn, den zweimaligen Olympiasieger über 10 000 Meter, in den Rang eines Marathonstars? „Ja“, sagt Mark Milde, der Renndirektor. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kollegen von den anderen großen Marathons jetzt sagen, er hat den Weltrekord nicht drauf.“ Die anderen Meetingchefs erfahren ja auch, wie diese Zeit zustande gekommen ist.

Gebrselassie will ihn unbedingt, diesen Weltrekord. „Irgendwann werde ich ihn haben“, sagte er und zeigte das typische Gebrselassie-Lachen. Im April 2007 läuft er sicher in London, vorher, im Dezember 2006, vielleicht noch in Fukuoka und vermutlich nächstes Jahr auch wieder in Berlin, auf dem schnellsten Kurs der Welt. Aber jetzt, zwei Stunden nach dem Rennen, hatte er für den Rest des Tages einen ganz anderen Plan: „Ich trinke ein Glas Rotwein.“ Ein Scherz? Vermutlich, Gebrselassie lachte. Aber was heißt das bei ihm schon?

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