• Durch die Taiga fahr’n wir zur WM Zwei Fußballfans sind nach Korea gereist –- mit der Bahn

Sport : Durch die Taiga fahr’n wir zur WM Zwei Fußballfans sind nach Korea gereist –- mit der Bahn

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Ein Fußballspiel in Dortmund? Kein Problem. Du steigst morgens in den Zug, öffnest das Bier und am Nachmittag bist du im Westen. Kiew ist da schon härter: 27 Stunden dauert die Bahnfahrt. Aber mit dem Zug nach Südkorea zur Fußball-Weltmeisterschaft? Die Auskunft der Bahn ist da überfordert, normalerweise fliegen die Menschen nach Asien und nutzen nicht den Landweg. Für Jörg Heinisch und Carlo Farsang war dieser Weg zu einfach. Sie setzten sich vor zwei Wochen in den Zug. Von Frankfurt nach Seoul: Ein Reisebericht zur Fußball-WM.

Frankfurt am Main - Moskau

In zwei Wochen steigt in Seoul das Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Senegal, und wir sitzen am Frankfurter Hauptbahnhof. Vor uns liegt die Taiga, die transsibirische Eisenbahn und Tage in muffigen Bahnabteilen. Carlo, mein Kumpel aus dem Schwarzwald, spricht ein paar Wörter Russisch. Das muss reichen. In Hannover verabschieden wir uns von der Lebensqualität, wir steigen in den Zug nach Warschau. Schlafwagen. Es ist wie in einer Sauna. Unser Nachbar liegt nackt im Bett.

Carlo und ich machen so etwas öfters. Wir wollen die Welt sehen, die Fußballstadien und Klubs der anderen Länder. Legia Warschau. Dinamo Minsk. Dynamo Brest. Auf dem Weg nach Moskau schaffen wir es zum Länderspiel zwischen Estland und Polen. An unserem Abteil zieht die karge weißrussische Landschaft vorbei. Die Häuser sind marode, Menschen sind nur wenige zu sehen. Kalt ist es, verdammt kalt. Nach drei Tagen erreichen wir Moskau. Es schneit. Ein Hotelbett tut uns gut.

Moskau - Omsk

Die Tickets nach Wladiwostok haben wir in der Tasche. Zeit für eine Stadtrundfahrt. Moskau ist beeindruckend: Die Straßen, der Marmor, der Prunk, die Sauberkeit. Bei McDonald’s wischen sie den Boden in wenigen Minuten fünfmal. Wir decken uns mit Klopapier ein, die Bahnfahrt durch Russland ist lang: 9021 Kilometer liegen vor uns, 150 Stunden. Ein Bundesligaauswärtsspiel ist dagegen lachhaft.

Als wir am Abend die Gebirgszüge des Urals durchqueren, ist es dunkel. Auf den Bahnhöfen sorgen Händler für Abwechslung. Soll ich mir ein russisches Buch kaufen? Oder einen Pelz? Ich bleibe im Speisewagen, die Händler draußen. Am Morgen erreichen wir Omsk.

Omsk - Ussurijsk

Südlich der Trasse verläuft die Landesgrenze von Kasachstan. Über eine Woche sind wir unterwegs, und draußen sehen wir die Birken der Taiga. Wir verlieren täglich eine Stunde, unser Rhythmus kommt durcheinander. Im Zug treffen wir kroatische Studenten, Münchner, auch sie wollen zur WM. Die Jungs sind bis Moskau geflogen und dann in den Zug gestiegen. Von Wladiwostok wollen sie mit der Fähre nach Japan. Wir nicht.

Als wir in Nowosibirsk eintreffen, ist es heiß, fast 30 Grad. Ein Matrose steigt ein, und unser Abteil riecht nach Bier. Im Zug lerne ich eine Russin kennen, eine nette Frau, sie spricht deutsch, und als sie aussteigt, lädt sie mich in ihr Haus ein. Am Baikalsee. Ja, später vielleicht.

Der Zug rollt, und tief in der Provinz erhalten wir die offizielle Erlaubnis, vorne in der Lok mitzufahren. Wir genießen den Sonnenaufgang und umkurven den Baikalsee. Eine Nacht noch bis Ussurijsk. Der Anschlusszug nach Nordkorea wartet.

Ussurijsk - Seoul

Wir sollen die Militäranlagen hier nicht sehen, erzählt einer. Deswegen fährt der Zug in dieser Gegend nur in der Nacht. Dann endlich: Ussurijsk, der Umsteigebahnhof, es sind nur wenige Kilometer bis Pjöngjang. Denken wir.

Die Bahnstrecke ist nicht ausgebaut, es fehlen 14 Kilometer Schiene. Also fahren wir nach Wladiwostok, den südöstlichsten Zipfel Russlands. Frankfurt liegt 12 000 Kilometer hinter uns.

Durchhalten.

Wir sind dem Pazifik so nah.

Endlich, die Häuser von Wladiwostok sind in Sicht. Wir fahren zum Flughafen, anders kommen wir nicht zur WM. Als wir in Seoul landen, sehen wir die andere, westliche Welt. Hektik, Neubauten, Bürogebäude, und überall hängen Plakate für die Weltmeisterschaft. Südkorea ist unglaublich, perfekt organisiert. Am Freitagabend steigt in Seoul das Eröffnungsspiel. Der ARD geben wir ein Interview, sie haben uns Eintrittskarten für den Innenraum besorgt. Am Samstag fliegen wir zurück nach Deutschland. Eine Fußball-WM kann ich sehr gut im Wohnzimmer erleben. Die Reise dorthin nicht.

Jörg Heinisch ist Autor des Buches „Abenteuer Groundhopping - wenn Fußballfans Stadien sammeln“. Das Buch ist im Agon-Sportverlag erschienen.

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