• Dynamo Dresden und Hansa Rostock spielten nach der Wende in der Bundesliga – und gingen danach sehr unterschiedliche Wege

Sport : Dynamo Dresden und Hansa Rostock spielten nach der Wende in der Bundesliga – und gingen danach sehr unterschiedliche Wege

Dynamo Dresden und Hansa Rostock spielten nach der Wende in der Bundesliga – und gingen danach sehr unterschiedliche Wege

Sven Goldmann[Dresden/Rostock]

Im Ostseestadion kleidet sich die Vergangenheit in das hübsche Gewand der Nostalgie. Die Gedenktafel an der alten Außenmauer erinnert an die Fünfzigerjahre, an die 100 000 Arbeitsstunden, in denen die Rostocker Sand schippten, Steine setzten und mit Mörtel verfugten. Nationales Aufbauwerk, Mai 1954. Drinnen ist der Charme der DDR längst verflogen. Das Ostseestadion ist eine moderne Arena mit Logen, Rasenheizung und angegliedertem Trainingszentrum. Hansa Rostocks Kapitän Stefan Beinlich sagt: „Mit dieser Anlage müssen wir uns vor keinem deutschen Verein verstecken.“

Im Rudolf-Harbig-Stadion empfängt einen die Vergangenheit wie eine Blutgrätsche. Der Rost von Jahrzehnten blättert von den Stahlträgern. Regenwasser steht knöcheltief auf der Aschenbahn um das Spielfeld. „In der Kabine stolperst du über die Scheißhausrohre. Dieses Stadion ist nicht mal regionalligareif“, sagt Dynamo Dresdens Stürmer Marco Vorbeck.

Hansa Rostock und Dynamo Dresden waren vor 15 Jahren Gründungsmitglieder der gesamtdeutschen Bundesliga. Die Namenlosen von der Küste und der Traditionsklub aus Sachsen. Hansa hat sich etabliert. Die Rostocker sind in dieser Saison als einzige Mannschaft im deutschen Profifußball noch ungeschlagen und stehen vor der Rückkehr in die Bundesliga. Dynamo kämpft ums Überleben. Vor einem Jahr sind die Dresdner aus der Zweiten Liga abgestiegen. Tradition schießt keine Tore.

Die sportliche Situation beider Klubs passt nicht zur regionalen Kaufkraft. Hansa spielt im Armenhaus Deutschlands. Mecklenburg-Vorpommern leidet unter einer Arbeitslosenquote von mehr als 17 Prozent und einem dramatischen Bevölkerungsrückgang. Für Dresden gilt das Gegenteil. Sachsens Hauptstadt ist die Boomtown im Osten, die Bevölkerung wächst und das Bruttosozialprodukt auch, gerade erst hat das Institut der deutschen Wirtschaft Dresden zum Aufsteiger des Jahres gewählt. Davon kriegt man auf dem Gelände des 1. FC Dynamo nicht viel mit. Marco Vorbeck ist vor einem Jahr hierher gekommen, die Geschäftsstelle nennt er „das Asbesthaus“.

Vorbeck ist 25 Jahre alt und in Rostock groß geworden, er hat das Fußball-Internat des FC Hansa besucht und bis zum Abstieg im Frühling 2005 für seinen Heimatklub in der Bundesliga gespielt. „Das ist schon eine andere Welt. In Rostock hatten wir super Trainingsbedingungen, das Internat war klasse. Und hier?“ Vorbeck zeigt auf eine grau-braunen Flachbau, der Putz bröckelt. „Da wohnen ein paar von unseren Nachwuchsspielern. Wer will da seine Jugend verbringen?“

Die erste Mannschaft trainiert nebenan im Großen Garten, einer öffentlichen Grünanlage. Auf dem Weg zum Training müssen die Spieler die viel befahrene Lennéstraße kreuzen. Eine Ampel gibt es nicht. Links rasen die Autos, rechts blasen ABM-Kräfte das Laub von der Wiese, in der Mitte kämpft Norbert Meier gegen den Lärm an. Wenn den Spielern der Ball verspringt, ruft Dynamos Trainer: „Ei, ei, ei, was war denn das?“ Der Ball verspringt oft.

Meier hat vor einem Jahr noch den Bundesligisten MSV Duisburg betreut. Dann rasselte er an der Seitenlinie mit dem Kölner Albert Streit zusammen und versetzte ihm einen Kopfstoß. Meier wurde drei Monate gesperrt und muss nun in der dritten Liga neu anfangen. Er sagt: „Dynamo gehört zu den Vereinen, die schon vom Namen her mindestens eine Klasse weiter oben spielen müssen. Wo gibt es das schon, dass du in der dritten Liga einen Zuschauerschnitt von 15 000 hast?“ Die Fans sind treu, aber ein Teil von ihnen neigt zur Randale. Nachdem sie Anfang November im Berliner Jahnsportpark wüteten, war über Dynamo für ein paar Wochen mehr im Polizeibericht zu lesen als auf den Sportseiten.

Solche Geschichten fügen sich prächtig in das Vorurteil von den gewalttätigen Fans im Osten. Der aktuellen Meldungslage nach hat auch der FC Hansa Probleme mit seinen Zuschauern. Als Schalke 04 zum Pokalspiel bei der zweiten Rostocker Mannschaft gastierte, wurde Schalkes deutscher Nationalspieler Gerald Asamoah auf den Traversen mit Affengebrüll empfangen. Das hat dem Verein eine Strafe von 20 000 Euro eingebracht und den Ruf, dass sich in Rostock nicht viel verändert habe, seit im Sommer 1992 ein Asylbewerberheim im Stadtteil Lichtenhagen brannte. Und war da nicht mal eine Rauchbombe bei Hansas Spiel gegen den (politisch links orientierten) FC St. Pauli?

Das war 1995, und Stefan Studer stand für Hansa als Spieler auf dem Platz. Jetzt ist er Hansas Sportdirektor, und er kennt diesen Generalverdacht: Alles böse Ossis, die neidisch auf den Westen sind und ihn deshalb provozieren, wo immer es möglich ist. Studer sitzt in seinem Büro am Ostseestadion und schüttelt den Kopf. Politik, sagt er, spiele in Rostock überhaupt keine Rolle. Studer kommt aus Buxtehude, er hat vor seinem Engagement in Rostock beim FC St. Pauli, in Frankfurt, Wattenscheid und Hannover gespielt. „Ost und West sind geographische Begriffe“, sagt Studer. „Für mich war Rostock immer Norddeutschland, wie Hamburg oder Buxtehude. Die Leute sprechen denselben Akzent und haben die gleiche Mentalität.“ Er verweist auf eine gewachsene friedliche Fankultur, auf das Fan-Projekt gleich neben der Geschäftsstelle – und darauf, dass es Idioten eben überall gebe. „Ein paar Dummköpfe im Publikum können viel kaputt machen. Da wirst du ganz schnell in eine Schublade gepackt.“

Hansa steckte schon zu DDR-Zeiten immer in einer Schublade. Darauf stand: Fahrstuhlmannschaft. Aufsteigen, absteigen, aufsteigen, absteigen. Wenn sich mal ein Talent fand wie Joachim Streich oder Thomas Doll, dann war es ganz schnell weg. Als die Wende kam, war Hansa gerade mal wieder in der Oberliga, eine mittelmäßige Mannschaft, nicht interessant genug für die Aufkäufer aus dem Westen.

Heute weiß man: Das war ein großartiger Vorteil. Dynamo Dresden büßte beim DDR-Schlussverkauf fast die gesamte Mannschaft ein, darunter Ausnahmekönner wie Matthias Sammer und Ulf Kirsten. Der FC Hansa blieb zusammen und schaffte im letzten Oberliga-Jahr 1991, was ihm zuvor in der DDR stets versagt geblieben war, nämlich den Meistertitel zu holen. Das bedeutete die Qualifikation für die Bundesliga. Dynamo Dresden musste bis zum letzten Spieltag zittern, um als Zweiter ebenfalls den Sprung zu schaffen.

Wahrscheinlich wurden damals die Grundlagen für heute gelegt. Nicht sportlich, sondern wirtschaftlich. Rostock investierte sparsam und nahm dafür den sofortigen Abstieg in Kauf. Dresden versuchte, die entstandenen Lücken sofort und adäquat zu schließen. Drei Jahre lang hielten sich die Sachsen in der Bundesliga, aber sie übernahmen sich dabei, angeleitet von einem unbedarften Computerhändler, der als Präsident Schulden in Millionenhöhe anhäufte und Platz machen musste für einen Bauunternehmer aus dem Hessischen, der später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und vorher noch schnell den Klub in den Ruin trieb. Als die Dresdner 1995 abgeschlagen als Letzter ihre dritte Bundesligasaison beendeten, bekamen sie nicht mal die Lizenz für die Zweite Liga. Der achtmalige DDR-Meister fand sich im Amateurfußball wieder.

In eben dieser Saison schaffte der FC Hansa die Rückkehr in die Bundesliga. Doch anders als zu DDR-Zeiten ging es diesmal nicht sofort wieder nach unten. Zehn Jahre am Stück hielten sich die Rostocker oben. „Das macht den Unterschied zu Dynamo“, sagt Marco Vorbeck, der Dresdner aus Rostock. „Hansa hatte in diesen zehn Jahren die Möglichkeit, Geld zu verdienen und zu investieren, in das Stadion und das Umfeld.“

Hansa Rostock stand in den Neunzigerjahren für die seltene Symbiose von wirtschaftlichem und sportlichem Geschick. Trainer Frank Pagelsdorf hatte ein Auge für junge, gute und billige Spieler. Die halfen dem Verein zunächst dabei, auf dem Rasen konkurrenzfähig zu bleiben. Später garantierten sie durch ihren Weiterverkauf an die wohlhabende Konkurrenz indirekt das wirtschaftliche Überleben. Bei den Transfergeschäften mit René Schneider und Sergej Barbarez (beide Dortmund), Stefan Beinlich und Oliver Neuville (beide Leverkusen), Jonathan Akpoborie (Stuttgart), Marko Rehmer (Hertha) und Victor Agali (Schalke) erzielte Hansa zwischen 1997 und 2001 einen Gesamtgewinn von gut 15 Millionen Euro.

Vielleicht haben sie in Rostock in diesen Jahren ein bisschen zu viel in die Steine und nicht genug in die Beine investiert. Die Mannschaft wurde immer jünger – und schlechter. Nach zwei Jahren in der Zweiten Liga soll es nun wieder nach oben gehen, unter Frank Pagelsdorf, dem Trainer, mit dem schon 1995 der Aufstieg gelang. Und mit Spielmacher Stefan Beinlich, der vom Hamburger SV zurück nach Rostock kam. Beinlich machte den ersten Schritt und rief Pagelsdorf an. Heute sagt er: „Ich hatte einfach Lust auf Rostock, und es war, als würde ich nach Hause kommen. Im Vorstand und im Umfeld waren immer noch die Leute von früher da.“ Mit Kotrainer Timo Lange, Torwarttrainer Perry Bräutigam und Manager Studer hat Beinlich in den Neunzigerjahren noch zusammengespielt. Es ist diese Konstanz, die Hansa auszeichnet – und von Dynamo Dresden abgrenzt.

Dabei spielen auch in Dresden jede Menge Stars von früher. Reinhard Häfner und Hans-Jürgen Dörner, Ralf Minge und Ulf Kirsten, alles frühere Nationalspieler, und alle tragen sie wieder das gelbe Trikot – in der Traditionsmannschaft. Der Star der ersten Mannschaft ist Ivo Ulich, ein 32-jähriger Tscheche, der nicht mehr gut genug war für Borussia Mönchengladbach.

Mit 5,3 Millionen Euro kalkuliert Dynamo für diese Saison, das ist nicht viel mehr als ein Drittel des Rostocker Etats (14 Millionen), aber für die Regionalliga ein Spitzenwert. Noch einmal werden die Dresdner so einen Kraftakt nicht leisten können. Dynamo spielt oben mit, aber selbst wenn der Aufstieg gelingt, ist noch lange nicht sicher, ob dann im maroden Rudolf-Harbig-Stadion gespielt werden darf. „Ich kann mir das nicht vorstellen“, sagt Stürmer Marco Vorbeck, und Trainer Norbert Meier will endlich sehen, dass es losgeht mit dem versprochenen Stadion-Neubau an alter Stätte. Den hat der Stadtrat längst beschlossen, doch weil das vorgeschaltete Regierungspräsidium eine Bürgschaft verweigert, ist ein Baubeginn nicht absehbar.

Geld? Ist vorhanden. Nach dem Verkauf aller kommunalen Wohnungen ist Dresden als eine der wenigen deutschen Städte schuldenfrei. Aber der Fußball hat in den vergangenen Jahren nur Ärger und schlechte Presse gebracht. Die Sanierung von Grünem Gewölbe und der Aufbau der Frauenkirche bringen Touristen, drei Millionen waren es im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Dresden sieht sich zuerst als Kulturstadt. Es klingt fatalistisch, wenn Norbert Meier sagt: „Fußball ist doch auch Kultur!“ Pause. „Na gut, manchmal kann es auch ein Kulturschock sein.“

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