Sport : Easy Game

Stefan Hermanns

Berti Vogts lacht. Er tut das auffallend oft. Und manchmal lacht Vogts auch ein bisschen über sich selbst. Zum Beispiel, wenn er von Leverkusen erzählt und seinem Funktionsteam mit den vielen Kotrainern, das vor einem Jahr die Öffentlichkeit belustigt hat. "Das ist ja ins Lächerliche gezogen worden", sagt Vogts und lacht trotzdem. "In einigen Jahren wird man das verstehen."

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Berti Vogts hat sich häufig missverstanden gefühlt. Als Bundestrainer, bei Bayer Leverkusen, in Kuwait. Inzwischen redet er relativ entspannt über seine Vergangenheit. Vorbei. Seit dem 1. März hat er einen neuen Job. Der 55-Jährige arbeitet jetzt als Trainer der schottischen Fußball-Nationalmannschaft, und in Schottland ist Berti Vogts nicht der Viertelfinalausscheider gegen Bulgarien und Kroatien, in Schottland ist er der England-Besieger und Europameister.

Ein Märzabend im Ibrox-Stadion in Glasgow. Schottland ist so, wie Schottland sein muss. Ein kühler Wind weht ins Stadion, und es regnet eindringlich. "Normaler Alltag", sagt Vogts, "so ein Schweinewetter." Die Rangers spielen gegen den FC Kilmarnock, der Tabellenzweite gegen den Sechsten. Am Ende steht es 5:0 für eine bessere B-Mannschaft der Rangers. Kilmarnock hat in 90 Minuten keine einzige Torchance gehabt. Normaler Alltag in Schottland, wo die beiden Teams aus Glasgow die Meisterschaft unter sich ausmachen und der Rest keine Rolle spielt.

Nur die beiden Großklubs können sich teure Ausländer leisten. Und das tun sie auch. Als die Rangers am vorigen Wochenende im Ligapokal das Finale gegen Ayr United gewannen, stand mit Barry Ferguson ein einziger Schotte in der Siegermannschaft. Berti Vogts hat - gewissermaßen als seine erste Amtshandlung - vorgeschlagen, im Ligapokal, dem drittwichtigsten von drei nationalen Wettbewerben, sollten nur noch Schotten eingesetzt werden dürfen: "Die kleinen Klubs waren begeistert, die beiden großen nicht." Vogts träumt davon, einen Generalsponsor für den Ligapokal zu finden, einen, der dann mit den jungen wilden Schotten wirbt.

Die Nachwuchsarbeit war immer schon sein Thema. Manche sagen, er wäre 1990 besser Trainer der U 21-Nationalmannschaft geblieben, anstatt Bundestrainer und damit Nachfolger von Franz Beckenbauer zu werden. In Schottland kann er beide Aufgaben gewissermaßen miteinander verbinden. Vogts erzählt, die Zeitungen hätten geschrieben, er müsse neues Blut in die Adern des schottischen Fußballs pumpen. Das gefällt ihm, und möglicherweise macht er gerade deshalb in Glasgow den Eindruck, endlich den richtigen Platz gefunden zu haben.

Zuletzt hatte er dieses Gefühl nicht. Nach dem Engagement in Leverkusen wurde Vogts Nationaltrainer in Kuwait. Es sah ein wenig aus wie eine Flucht aus Deutschland, und Vogts selbst sagt, dass er Abstand gebraucht habe. Nach einem halben Jahr hatte er genug. Genug Abstand, aber vor allem genug von Kuwait. Wenn er 30 Spieler nominiert hatte, kam es schon mal vor, dass nur zwölf von ihnen zum Training erschienen. Es war "die Sehnsucht nach dem realen Fußball", die ihn nach Schottland geführt hat.

Vogts liebt den schottischen Fußball: diese bedingungslose Hingabe, das einfache Spiel ohne all die Hinterfotzigkeiten, das ewige Gejammer und Gemecker. Ein wenig ist der Fußball so, wie Vogts sich selbst gerne sieht. Und die Schotten bringen ihm sogar so etwas wie Zuneigung entgegen. Manchmal sagen die Leute zu ihm: "Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind." Doch die BBC hat bereits gespottet: "Wie es in Schottland Tradition ist, werden die Flitterwochen für Vogts fünf Minuten dauern."

Sein Vertrag läuft bis zur Weltmeisterschaft 2006, zudem besitzt der Verband die Option, die Zusammenarbeit um zwei Jahre zu verlängern. In der Qualifikation zur Europameisterschaft 2004 trifft Vogts mit seinem Team auch auf die deutsche Nationalmannschaft. "Das große Match", sagt er. Die Begegnung am 7. Juni 2003 war innerhalb von eineinhalb Stunden ausverkauft.

Bis zur WM 2006 will Vogts den Neuaufbau abgeschlossen haben. Für sein erstes Länderspiel hat er vier Spieler nominiert, die älter als 20 sind, dafür nur noch zwei über 30. Langfristig soll er ein Team mit Perspektive formen "und kurzfristig die Spiele gewinnen". So ist das in diesem Job, auch in Schottland. "Wenn du gewinnst, bist du der Größte, wenn du verlierst, bist du der Depp." Eine Niederlage bei seinem Debüt am Mittwoch würde man ihm vielleicht noch verzeihen: Gegner ist Frankreich, der Welt- und Europameister. "Easy game", sagt Vogts. Ein einfaches Spiel, "es gibt nichts zu verlieren."

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