Sport : Ein anderer Verein

Hertha wählt Gegenbauer und übt sich in Harmonie

Sven Goldmann

Berlin - Hertha BSC? Da war doch mal was, mit bestechlichen Spielern und rechtsradikalen Fans. Mit windigen Funktionären und Eintrittskarten, im Sarg versteckt am Finanzamt vorbeigeschleust. Lange her. Im dritten Jahrtausend ist aus diesem einstigen Skandalverein eine fast schon bürgerliche Veranstaltung geworden. Mit zugegeben erheblichen Schulden, aber wer hat die nicht in der bettelarmen Stadt Berlin. Die Mitglieder zahlen brav ihre Beiträge und sind froh, wenn sie der Vereinsführung zweimal im Jahr Fragen stellen dürfen. Nach der Besetzung des Mittelfeldes, der Zukunft der Jugend und der Bierversorgung im Oberring.

Treu und ergeben nickte das Wahlvolk bei der Jahreshauptversammlung am Freitag im ICC die größte Satzungs- und Personalrochade der Vereinsgeschichte ab. Niemand störte sich daran, dass die Vorsitzenden von Präsidium und Aufsichtsrat, wie vorher offen verabredet, ihre Posten tauschten. Dafür gab es nette Worte aus der Führungsetage. „Sie können stolz auf sich sein“, rief Manager Dieter Hoeneß in den Saal, was dem neuen Präsidenten Werner Gegenbauer so gut gefiel, dass er es kurz vor Mitternacht fast wortgleich wiederholte. Übereinstimmend urteilten die beiden starken Männer, dieser Freitag sei ein sehr guter Tag für Hertha gewesen.

Vielleicht haben sie sich einmal Sorgen gemacht. So kurz nach neun, als das Klubmitglied Peter Danckert bei der Wahl zum neuen Aufsichtsrat durchfiel. Das wäre in finaler Konsequenz dann doch ein bisschen peinlich gewesen, denn Peter Danckert ist kein ganz normales Klubmitglied, sondern Vorsitzender des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Als Verbindungsmann zur großen Politik ist der Berliner Rechtsanwalt eine nicht zu vernachlässigende Größe. Da aber noch ein Platz frei war im Aufsichtsrat, trat Danckert im zweiten Wahlgang noch einmal an, gegen vier Mitbewerber, die ihren Stammplatz in der Kurve haben. Kurz vor halb zwölf, nach knapp sechsstündiger Sitzungszeit, war auch diese Personalie unter Dach und Fach und der Abend gelaufen. Das heißt, richtig vollendet war das Umgestaltungswerk erst am Samstag, nach einer ersten Zusammenkunft des neuen Aufsichtsrates, sie endete wie erwartet mit der Wahl des früheren Präsidenten Bernd Schiphorst zum neuen Vorsitzenden.

Gegenbauer ist ein ruhiger, auf Seriosität bedachter Mann. Doch einmal verlor der Unternehmer an diesem harmonischen Abend kurz die Contenance. Das war, als ein Vereinsmitglied ohne jeden Beleg behauptete, in Gegenbauers Firma würden leitende Angestellte unter einem Bild Heinrich Himmlers wüste Gelage feiern. Fassungslos wies Gegenbauer die Attacke zurück, „in der Firma Gegenbauer arbeiten Menschen aus 90 Nationen friedlich zusammen“, mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Der andere aber mochte nicht nachgeben, und auf einmal schien ein Hauch der alten Krawall-Hertha durch den Saal zu wehen. Da geschah etwas Bemerkenswertes: Das Auditorium pfiff den Provokateur nieder und bedachte Gegenbauer mit Ovationen. Ja, doch, Hertha BSC ist ein anderer Verein geworden.

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