Sport : Ein Anfänger mit Vorgeschichten

Der gebürtige Ukrainer Oleg Velyky spielt jetzt für Deutschland und hat seine Krebskrankheit im Griff

Erik Eggers[Köln]

In diesen Momenten, in denen nur das Spiel zählt, ist alles wie immer. Eben ist der Gegner mit einem Angriff gescheitert, und nun startet Oleg Velyky das, was man im Handball-Jargon die „zweite Welle“ nennt: Den sofortigen Gegenstoß, auf dass sich der Gegner auf den Gegenangriff nicht einstellen kann. Velyky fängt den Ball und treibt ihn per Doppelpass nach vorn. In der Wurfzone findet er jedoch keine Anspielstation. Dann geht es ganz schnell: Mit einer Körpertäuschung lässt Velyky seinen Gegenspieler ins Leere laufen, steht plötzlich völlig frei und schleudert den Ball ins Tor.

Er hat wieder einmal gezeigt, wozu er imstande ist, der 27 Jahre alte Rückraumspieler und Torschützenkönig der Europameisterschaft von 2000. Doch am Wochenende war Velyky ein Anfänger. Er bestritt seine ersten beiden Länderspiele für Deutschland, beide gegen die Schweiz. Bundestrainer Brand sprach nach dem Spiel am Sonntag und sechs Toren von Velyky über ihn auch wie über einen Debütanten. „Er hat sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft, er reißt das Spiel noch nicht an sich, weil er neu ist in der Mannschaft.“

Hinter Velykys Beginn im deutschen Nationaltrikot liegen jedoch gleich zwei beschwerliche Wege. Der eine führte ihn weg vom Sport an den Abgrund. Vor sechzehn Monaten stellten Ärzte bei ihm ein malignes Melanom fest, eine bösartige Hautkrebsgeschwulst. Es bestand Lebensgefahr, doch Velyky kämpfte erfolgreich, und inzwischen ist er fast wieder ganz gesund. Einmal im Monat muss er noch zur Untersuchung, die Therapie läuft noch bis zum Sommer. Bis dahin muss er sich dreimal pro Woche eine Spritze setzen. Danach fühlt er sich stets „wie bei einer schweren Grippe“. Sein Training muss er dann reduzieren.

Der andere Weg führte Velyky fort aus seiner Heimat Ukraine. 2001 kam er aus Saporoschje zu TuSEM Essen und zeigte dort konstante Leistungen auf höchstem Niveau. Die Fachleute schwärmten von ihm als Oleg Blochin des ukrainischen Handballs. 2002, nach 59 Länderspielen für die Ukraine, entschloss er sich, für Deutschland zu spielen. „Es gab Schwierigkeiten mit dem Trainer“, sagt Velyky, aber ein anderes Motiv war ihm noch wichtiger: „Ich bin schon lange dabei, aber ich habe noch keinen Titel.“

Velyky kann jetzt wieder Anlauf nehmen. Bei der Weltmeisterschaft, die in zehn Tagen in Tunesien beginnt, ist er dabei. „Er will später seinen Enkeln von seinen Siegen und Medaillen erzählen“, sagt sein Essener Mannschaftskollege Dimitri Torgowanow, einer seiner Freunde. Velyky selbst sagt, er wolle „alles gewinnen, was man im Sport gewinnen kann“. Und er möchte unbedingt 2008 in Peking spielen, bei den nächsten Olympischen Spielen.

Wie sich die Dinge in den letzten Monaten für Velyky gefügt haben, ist alles andere als gewöhnlich. „Ich konnte nicht damit rechnen, dass alles so schnell geht“, sagt er. Der schüchterne und verschlossene Velyky hat den Krebs so gut wie besiegt und viele Widrigkeiten überstanden. Der ukrainische Verband hatte ihm vor einem Jahr die Freigabe verweigert, und als er sie endlich besaß, wollten ihn die Deutschen nicht. Brand überlegte zwar damals, ihn bereits bei Olympia in Athen einzusetzen, doch der Kern des Teams, das eben Europameister geworden war, lehnte ihn ab. Sie wollten das Mannschaftsgefüge bewahren, hieß es damals, aber einige Führungsspieler hatten auch grundsätzliche Vorbehalte gegen Velyky, weil er kein gebürtiger Deutscher ist.

Doch jetzt, nach dem Rücktritt von fünf Spielern „ist die Situation eine völlige andere“, sagt Brand. Der Trainer schätzt Velykys Variantenreichtum sehr, „und wenn man die Chance hat, einen solchen Spieler einzusetzen, sollte man das auch machen“. Auch die Mitspieler haben mittlerweile ihren Frieden mit dem Essener geschlossen. Der zurzeit verletzte Kapitän Daniel Stephan sagt: „Wir haben beschlossen, ihn einfach Olaf zu nennen.“

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