Sport : Ein bisschen Stolz

Beim WM-Überraschungssieg gegen Serbien gleichen die deutschen Basketballer spielerische Defizite mit Kampfkraft und Teamgeist aus

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Die Nowitzki-Faust. Jan Jagla feiert seinen spielentscheidenden Dreipunktewurf mit einer Geste, die man auch beim deutschen NBA-Star schon mal gesehen hat. Foto: dpa
Die Nowitzki-Faust. Jan Jagla feiert seinen spielentscheidenden Dreipunktewurf mit einer Geste, die man auch beim deutschen...Foto: dpa

Die deutschen Basketball-Nationalspieler stürmten aufs Feld, schleuderten ihre Handtücher in die Luft, sprangen sich in die Arme, Steffen Hamann gab Jan Jagla einen Kuss auf die schweißglänzende Wange. Ihre Gegner aus Serbien standen erstarrt auf dem Parkett, keuchend vor Erschöpfung und Enttäuschung. Beide Mannschaften hatten sich am zweiten Spieltag der WM in der Türkei zuvor einen Kampf geliefert, der sie selbst – und die Nerven der Zuschauer – maximal strapaziert hatte. Am Ende bezwangen die Deutschen den klar favorisierten Vizeeuropameister nach zweifacher Verlängerung mit 82:81 (73:73, 69:69, 37:35) und haben nun gute Chancen, das Achtelfinale zu erreichen. „Mir kam es wie drei Verlängerungen vor“, sagte Aufbauspieler Heiko Schaffartzik, „es ging an die körperlichen Grenzen.“ Jagla, nicht nur wegen seiner 22 Punkte und neun Rebounds der Matchwinner, fasste es kürzer zusammen: „Den Sieg kann man getrost als Sensation bezeichnen.“ Viel Zeit zum Feiern blieb den Deutschen allerdings nicht, bereits am Montag trafen sie nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe im dritten Gruppenspiel auf Australien.

Von Beginn an entwickelte sich ein enges Spiel – wie spannend es aber noch werden sollte, konnte keiner der rund 5000 Zuschauer in der Kadir-Has-Arena von Kayseri ahnen. Im Gegensatz zum Spiel gegen Argentinien (74:78) konnte Bauermann diesmal nicht auf die überlegene Kondition seines Teams bauen – das serbische Team ist mit einem Durchschnittsalter von 23,5 Jahren sogar noch jünger als das deutsche (24,2). Beide Teams spielten diszipliniert und verbissen – und steuerten so unvermeidlich auf ein dramatisches Finale zu. 22 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit lag Deutschland 69:66 in Führung, Demond Greene fing einen Pass der Serben ab, das Spiel schien entschieden. Doch ein Schiedsrichter hatte richtig erkannt, dass der Schuh des Deutschen die Seitenlinie touchiert hatte – der Ball ging zurück an Serbien. Aleksandar Rasic traf zum Ausgleich und damit zur Verlängerung.

Einen Tag nach dem 74:78 gegen Argentinien bahnte sich die nächste unglückliche Niederlage des deutschen Teams an. Erneut versuchten die Deutschen, spielerische Mängel durch Kampfkraft und Teamgeist auszugleichen. „Wir leben eben sehr stark von unserer Emotion und Energie“, sagte Bauermann. „Auch weil wir uns gerne mal selber ins Bein schießen und dann zurückkommen müssen.“

Hamann erzielte in der Verlängerung vier Punkte in Folge, Jagla tippte gleich zweimal einen auf den Ring tanzenden Ball aus der Gefahrenzone. Bauermann erzählte später, er habe Jagla zuvor gesagt, er erwarte von ihm „die besten defensiven drei Minuten seiner Karriere“. In der Schlusssekunde zog Hamann zum Korb, wurde gefoult – doch der Pfiff blieb aus, es gab die nächste Verlängerung. Auch hier lagen die Deutschen schon mit sechs Punkten in Führung, doch die Serben kamen erneut heran. 60 Sekunden vor Schluss lief die Angriffszeit der Deutschen ab, als Jagla einen Verzweiflungswurf – hart bedrängt, weit vom Korb entfernt, auf einem Bein – auf die Reise schickte und die rund 40 deutschen Fans mit seinem Treffer zum 82:77 in Ekstase versetzte. „Je härter man arbeitet, desto mehr Glück hat man“, sagte Bauermann. „Den hatten wir uns verdient.“

Vorbei war das Spiel noch nicht, vier Punkte der Serben ließen die Deutschen noch einmal zittern. Nach dem Jubel überwogen schnell die Gedanken an das nächste Spiel. Am Morgen nach dem Sieg war aber trotzdem noch ein bisschen Stolz beim deutschen Center Christopher McNaughton vorhanden: „Wenn man im Hotel in den Aufzug steigt und die Serben sieht – das ist schon ein gutes Gefühl.“

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