Sport : Ein bißchen Vollrausch und eine ganz bittere Pille

KLAUS ROCCA

MÜNCHEN .Für Carsten Jancker war es "ein bißchen Vollrausch".Als er, die zuvor erlittene Bauchmuskelzerrung möglicherweise kaum noch spürend, mit seinen Mannschaftskameraden zu früher Morgenstunde die Nobel-Schänke "Käfer" verließ und in die Diskothek "Maximilians" umsiedelte, hatten die Fans ihren Autokorso auf der Leopoldstraße längst beendet.Man muß sich ja beim Feiern noch etwas aufheben.Auch Steigerungsmöglichkeiten.Nach Barcelona, dem Champions-League-Finale, soll es in Rot-Weiß so richtig abgehen.

Berlin wird da ein wenig hinten angestellt.Gewiß, die Fans skandierten lautstark ihr "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin".Und bei ihrer Ehrenrunde durchs Olympiastadion-Rund verharrten die frischgebackenen Münchner Meisterkicker auch minutenlang vor dem Block der Blau-Weißen aus der Hauptstadt.Schließlich galt es so ganz nebenbei auch Sympathiewerbung für das DFB-Pokalfinale am 12.Juni zu betreiben.Doch dieser "Pott" soll eher so nebenbei mitgenommen werden, um das Triple zu schaffen.Was Meistermacher Ottmar Hitzfeld vom ungeliebten Berliner Termin hält, hat er schon vorher kundgetan.

Überhaupt, der Ottmar Hitzfeld.Triumphale Gesten sind ihm fremd, Emotionen läßt er in der Öffentlichkeit nicht raus.Ihm seien zwar "fast die Tränen gekommen", bekannte er nach dem Meister-Coup, doch wirkte er bei diesen Worten so cool, daß man es ihm fast nicht abnahm.Im allgemeinen Siegestaumel wollte er jedoch kein Stimmungstöter sein, gab statt des angekündigten einen Tages gar zwei Tage trainingsfrei.Dann aber, bitteschön, habe jeder wieder nüchtern zu sein.Man wolle sich nach vorzeitigem Titelgewinn schließlich nicht dem Verdacht der Wettbewerbsverzerrung aussetzen.Und wer nicht spure, sei in Barcelona nicht dabei.Autorität pur.Von wegen FC Hollywood.Wie sagte doch Mario Basler: "Der Ottmar Hitzfeld hat hier für Ordnung gesorgt.Dafür danke ich ihm." Wohl wissend, daß er es ist, den es als allerersten zu disziplinieren gilt.

Auch die BBC wollte bei der Pressekonferenz ein Interview von Hitzfeld.Wegen Champions League, Manchester United und so.Hitzfeld lehnte ab.Er wolle erst einmal feiern, dann käme das nächste dran.Höflich war er, aber bestimmt.Den Glückwunsch der jungen Dame nahm er noch hoheitsvoll entgegen.Dann ließ er sie stehen.

Der erste Gratulant vom Gegner, der die große Party fast noch vereitelt hätte, war Dieter Hoeneß.Hitzfeld und dann sein Bruder Uli waren die Empfänger.Später, vor der Presse, machte Trainer Jürgen Röber eine gute Figur.Nicht nur wegen seines dunklen Anzuges.Kein Wort der Genugtuung über den erkämpften Punkt, kein Wort zum Spiel.Statt dessen Glückwunsch an den FC Bayern und seinen Trainer.Röber wußte, daß dies der Abend des Meisters war.

Was Hertha nicht hinderte, später den Punktgewinn im Hotel und dann auch noch im "Maximilians" zu feiern, zufällig Seite an Seite mit den Meister-Bayern.Die Berliner hatten an diesem heiteren Abend, der nach Carsten Janckers frühem Tor noch heiterer zu werden schien, für kaum noch erwartete Spannung gesorgt.Glück für die Bayern, daß Sixten Veit, Michael Preetz und Anthony Sanneh irgendwie ein Einsehen zu haben schienen, daß sie mit weiteren Toren dieses Jubelfest bei Kaiserwetter nicht stoppen durften.Und am Ende lagen sie sich alle in den Armen, die Rot-Weißen und die Blau-Weißen.Freude allenthalben.

Gestern mittag war einem aus dem Hertha-Troß nicht mehr nach Feiern zumute: Ante Covic.Der mußte da durch die Kernspintomographie beim Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher erfahren, daß sich der Verdacht auf Kreuzbandriß im linken Knie bestätigt hatte.Erlitten in seinem Kurz-Einsatz beim Spiel in München, beim Duell mit Michael Tarnat.Die Operation findet in Kürze statt."Ein halbes Jahr wird er wohl pausieren müssen", kommentierte Schleicher.Bitter für Covic, der sich gerade wieder Hoffnungen machte, in die Stammelf aufzurücken.Nun ist er erst weit nach Beginn der nächsten Saison wieder dabei.

Ante Covic wird diesen bayerischen Jubeltag in unguter Erinnerung behalten.

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