Sport : Ein Endspiel als Entschädigung? Pokalfinale in Berlin, EM 1988 ohne Berlin:

Neue Forschungen zu politischen Hintergründen

Jutta Braun,Michael Barsuhn

Das letzte Kapitel einer jeden Pokalgeschichte wird im Berliner Olympiastadion geschrieben. Seit Jahren ist der Slogan „Wir fahren nach Berlin“ ein Synonym deutscher Fußballhoffnungen. Das war nicht immer so. Bis 1984 wurde der Endspielort relativ kurzfristig bestimmt, nachdem die Finalisten feststanden. Erst 1985 erhielt die „Frontstadt“ West-Berlin den dauerhaften Zuschlag für dieses Sportereignis, das als besonders lukrativ und prestigeträchtig gilt. Doch als das erste Endspiel im Olympiastadion an Pfingsten 1985 bevorstand, schien sich keiner so richtig zu freuen. Der Kartenvorverkauf lief schleppend, der Geschäftsführer des Berliner Fußballverbandes, Wolfgang Levin, drohte sogar, die Veranstaltung „zurückzugeben“.

Auch ein Grund für die schlechte Stimmung: Es kursierte das Gerücht, das DFB- Pokalfinale sei nichts anderes als eine mickrige Entschädigung – ein Trost für die Aussperrung West-Berlins von der Europameisterschaft 1988. Der ganze Ärger hatte mit einer erfreulichen Meldung begonnen: Am 19. Februar 1985 verkündete der europäische Verband Uefa, die Ausrichtung der EM 1988 an die Bundesrepublik Deutschland vergeben zu wollen. Es war eine Vorentscheidung, die einen Monat später formal abgesegnet wurde. Mit diesem Votum hatte die Bundesrepublik den aussichtsreichen Konkurrenten England ausstechen können. Die Festlegung der Austragungsorte barg jedoch politischen Zündstoff: West-Berlin wurde im EM-Plan als Spielort übergangen. Der Deutsche Fußball-Bund unter Präsident Hermann Neuberger hatte damit Rücksicht auf die osteuropäischen Mitglieder in der Uefa genommen, die West-Berlin, den „Pfahl im Fleisch der DDR“, als Austragungsort boykottierten.

Diese Haltung des DFB provozierte heftige Proteste. Der Berliner Senat kritisierte, dass Neubergers Entscheidung „jegliche Solidarität des DFB mit der leidgeprüften Stadt vermissen“ lasse. Noch heute verurteilt Manfred von Richthofen, der scheidende Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) und damalige Chef des Landessportbundes Berlin, die Übergehung der Insel als „falschen Weg“. Die Empörung, die sich im Frühjahr 1985 in West-Berlin breit machte, wird verständlich, wenn man die zahlreichen sportpolitischen Abschnürungsversuche in Rechnung stellt, die der Ostblock der „Frontstadt“ über die Jahrzehnte zugefügt hatte. Das Instrumentarium, um West-Berlin praktisch und symbolisch von der Bundesrepublik zu isolieren, war breit gefächert. Hierzu gehörten die Diskriminierung West-Berliner Sportler sowie Absagen von geplanten Sportwettkämpfen in der Inselstadt mit fadenscheinigen Begründungen. Seit 1976 verlangte die UdSSR sogar eine Extra-Einladung, um an Sportereignissen in West-Berlin teilzunehmen. Mit der so genannten Stadtväter-Einladung, einem Schreiben des Regierenden Bürgermeisters, kam die Berliner Politik diesem Ansinnen widerwillig nach.

In der populärsten Sportart Fußball fuhren die Staaten des Warschauer Pakts einen besonders scharfen Blockadekurs. Sie versuchten bereits Anfang der Siebzigerjahre, West-Berlin als Austragungsort der WM 74 zu verhindern. Doch konnte DFB-Präsident Hermann Neuberger die Insel damals noch durchsetzen, da die erheblichen Widerstände aus dem Ostblock mit Hilfe südamerikanischer und asiatischer Stimmen im Weltverband Fifa austariert wurden. Ein kurzfristiger Sieg also im Kampf um die Anerkennung West-Berlins als sportpolitischer Bestandteil der Bundesrepublik. Die Ironie des Losentscheides wollte es, dass schließlich ausgerechnet die DDR in der verhassten „politischen Einheit“ zum Spiel gegen Chile antreten sollte – und es zähneknirschend auch tat.

Doch es folgten weitere Schikanen: 1983 protestierte der sowjetische Uefa- Vizepräsident gegen die Austragung des EM-Qualifikationsspiels Deutschland gegen die Türkei in West-Berlin. Erst nach langen Diskussionen fand das Spiel statt. Dieses Manöver war dem DFB bei seiner Bewerbung für die EM 1988 noch in Erinnerung. Der Ostblock war in der Uefa mächtiger als in der Fifa. West-Berlin wurde als Austragungsort ein unberechenbarer Risikofaktor. Der DFB wollte dieses Risiko nicht eingehen. In einer Vorstandssitzung am 27. Februar 1985 in Aachen votierten die Funktionäre für eine EM auch ohne West-Berlin. Die einzige Gegenstimme kam von Uwe Hammer, damals Berliner Fußballchef: „Hammer für Hammer!“, titelten die Zeitungen angesichts der aussichtslosen Außenseiterrolle des Berliners. Sportminister Friedrich Zimmermann setzte am selben Tag ein Schreiben an Neuberger auf, in dem er die Gegenposition der Bundesregierung formulierte. Er forderte, dass „Berlin in den Kreis der ausrichtenden Städte einbezogen werden müsse, wenn die Fußball- EM 1988 in der Bundesrepublik Deutschland stattfindet“.

Damit waren unversöhnliche Positionen bezogen. Dies führte zu einer schweren Krise zwischen Sport und Politik, deren Hintergründe nun erstmals anhand des Aktenmaterials aus dem Bundeskanzleramt rekonstruiert werden können. Am 5. März 1985 beschloss das Bundeskabinett, den Außenministern der befreundeten Uefa-Staaten eine diplomatische Note zu übergeben. „Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland würde es sehr bedauern, wenn die Durchführung der Fußball-Europameisterschaft 1988 in der Bundesrepublik Deutschland ohne den Spielort Berlin (West) vorgesehen würde. Sie würde in einem solchen Falle die Vergabe der Fußball-EM 1988 an den DFB nicht für wünschenswert halten.“

Doch zeigte sich die Uefa unbeeindruckt: Der endgültige EM-Zuschlag ging an die Bundesrepublik, West-Berlin blieb draußen. Das Eingreifen der Bundesregierung rief viel Ärger in der internationalen Sportpolitik hervor. David H. Will, schottisches Uefa-Mitglied, schimpfte öffentlich über den „unglaublichen Vorgang: Ich brauche, um eine Entscheidung als Sportfunktionär zu treffen, kein Außenministerium und erst recht keine Regierung eines anderen Landes“. Und auch der bundesdeutsche Sport war pikiert: Womit der Sport es eigentlich verdient hätte, vom Staat übergangen zu werden, fragte der Generalsekretär des DSB, Karlheinz Gieseler, im Sportausschuss. Sei dies „ein neues Verständnis der Autonomie des Sports“? DFB und DSB beharrten auf ihrem Standpunkt: Eine EM ist für die Bundesrepublik wichtig und richtig – auch ohne West-Berlin.

Nach wie vor ist umstritten, ob das „schlechte Gewissen“ des DFB wegen der EM 1988 dazu führte, das Pokalfinale dauerhaft an Berlin zu vergeben. Neuberger selbst stritt dies stets heftig ab. Auch Uwe Hammer sieht dies als Legendenbildung: „Ich hatte schon in den Jahren zuvor immer wieder gemeinsam mit Neuberger überlegt, wie man eine attraktive Veranstaltung nach West-Berlin holen könnte. Ein Länderspiel ging nicht, die sind häufig mittwochs, und die Beteiligten wären wegen der Insellage am selben Abend nicht mehr weggekommen. Das war unrealistisch, deshalb wollten wir immer eine Veranstaltung am Wochenende machen – und so kam Neuberger auf das Pokalfinale!“ Der DFB-Präsident blieb dem Finale 1985 jedoch fern. „Aus Angst“, spekulierte die Presse. Tatsächlich kochte die Berliner Volksseele derart, das der Sicherheitschef des Olympiastadions Übergriffe auf Neuberger befürchtete. Trotz des Eklats hat sich für die Sportstadt Berlin aus der Sicht Uwe Hammers langfristig alles zum Guten gewendet: „Die EM war ein einmaliges Ereignis. Der Pokal ist ein bleibender Faktor. Die Stimmung, die wir heute haben, die Begeisterung und der Ruf: Wir fahren nach Berlin – davon konnten wir 1985 nur träumen. Heute ist es Wirklichkeit.“

Die Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam. Der Artikel ist das Ergebnis neuer Forschungen, die in dem Sammelband „Sportstadt Berlin im Kalten Krieg“ (erscheint im Mai im Links Verlag) publiziert werden. Am 21. Mai feiert zudem die Ausstellung „Doppelpässe“ im Prenzlauer Berg Museum Eröffnung. Die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanzierte Schau beleuchtet die deutsch- deutsche Fußballgeschichte von 1945-1990.

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