Sport : Ein großer Schritt? Nein, ein wichtiger

Frank Bachner

Der selbsternannte Champions-Leage-Anwärter quält sich in Ulm zu einem Sieg, von dem später keiner mehr wissen will, wie er zustande kamFrank Bachner

Als alles vorbei war, nachdem der Fußball-Bundesligisten Hertha BSC den SSV Ulm mühsam 1:0 besiegt hatte, nickte Moderator Stefan Thies zum Ulmer Trainer Martin Andermatt und eröffnete dann die Pressekonferenz mit beachtlichem Mut: "Wir haben", verkündete Thies, "ein ganz ansehnliches Spiel gesehen." Sicher. Wenn sich einer während der Spielzeit eine Videoaufzeichnung des Champions-League-Klassikers Manchester United gegen Real Madrid angeschaut hatte, dann war es so.

Andreas Schmidt stand auf dem Platz, im Hertha-Trikot, und erklärte schulterzuckend: "Es war ein glücklicher Sieg. Aber es war eines dieser Spiele, bei denen später kein Mensch mehr danach fragt, wie wir in Ulm gespielt haben. Hauptsache gewonnen." Jürgen Röber, Schmidts Trainer, saß am Sonnabend neben dem Platz, schleuderte irgendwann mal voller Zorn eine Plastik-Trinkflasche auf den Rasen und verweigerte später seinen Spielern das Reifezeugnis: "Wenn du international mitspielst, musst du dich cleverer verhalten."

Muss man eigentlich, ja. Statt dessen aber dokumentierten die Berliner in Ulm, was sie noch von echten Spitzenteams wie Bayern München oder Bayer Leverkusen unterscheidet. Hertha BSC steht an der Schwelle zum großen sportlichen Aufstieg, aber Fehler gehören noch zum Standard. Ulm war wieder mal der Beweis.

Die Schlussphase lief, Ulm jagte verzweifelt dem Rückstand hinterher, die Zeit verrann, die Ulmer Fans putschten ihr Team auf. Spitzenklubs setzen dem Ruhe und Abgeklärtheit entgegen. Kostas Konstantinidis, der ansonsten gute Libero, setzte dem eine theatralische Einlage entgegen. Er wand sich nach einem Foul ewig am Boden, ließ ohne Not Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher antraben, musste zur Behandlung an den Spielfeldrand und fehlte damit seiner Mannschaft für notfalls entscheidende Momente. "Wenn da schnell ein langer Ball nach vorne kommt, ist ein Loch da", grantelte Röber. In einer anderen Situation schlug Dariusz Wosz nicht einfach den Ball ins Aus. Oder Sebastian Deisler rannte überhastet ins Abseits. Chance vergeben, Ballverlust.

Sekunden vor dem Schlusspfiff erhielt der SSV Ulm dann auch noch, an der Strafraumgrenze, einen indirekten Freistoß. Nur das "Unvermögen" (SSV-Trainer Andermatt) des Aufsteigers verhinderte da den Ausgleichstreffer. Röber schwitzte Blut und Wasser; den Adrenalinausstoß hätten seine Spieler verhindern können, wenn sie ruhiger zu Werke gegangen wären. Jürgen Röber zählte sie alle auf, diese Beispiele mangelnder Cleverness.

Clever war das Wort des Tages bei Hertha. Marko Rehmer, der Torschütze, registrierte, "dass wir im Angriff cleverer hätten spielen müssen", Manager Dieter Hoeneß meinte, "dass wir bei zwei, drei Situationen, als wir zum Beispiel ins Abseits liefen, nicht clever genug waren". Aber zum Schluss zählt für die Führungscrew und das Team der Sieg. "Natürlich", sagt Röber, "natürlich wollen wir in die Champions League." Dazu muss Hertha allerdings am Freitag punkten. "Wir wollten aus dem Spiel gegen Wolfsburg und Ulm sechs Punkte holen", meinte Hoeneß. Vier sind es nur, "da müssen wir am Freitag nachlegen" (Hoeneß). Wenn das so einfach wäre. Hertha steckt wieder mitten in der Doppelbelastung: Rehmer, Wosz, Preetz spielen am Mittwoch gegen die Schweiz. Auch Kiraly, Dardai (Ungarn), Konstantinidis (Griechenland) und Sanneh (USA) sind mit ihren Nationalmannschaften im Einsatz, der Iraner Ali Daei gar bei einer Weltauswahl.

Irgendwann wollte einer vom Fernsehen dann auch noch wissen: "War dieser Sieg der entscheidende Schritt Richtung Champions League?" Da blickte Hoeneß ernst und sagte: "Kein entscheidender, ein wichtiger." Vor allem einer, bei dem es ganz gut ist, wenn später keiner nachfragt, wie er zustande gekommen ist.

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